Ach was!

Jedes ordentliche Interview mit dem Chef eines Pharma-Konzerns (oder mit Cornelia Yzer vom VfA – wahlweise) sollte, wenn es um Preispolitik geht, folgende Komponenten enthalten, sonst würde mir irgendwie etwas fehlen…

- die arme Pharmaindustrie kann die Preise für Arzneimittel nicht senken, weil sie hier in Deutschland den vollen Mehrwertsteuersatz auf Medikamente zahlen muss

- die arme Pharmaindustrie kann die Preise nicht senken, weil sie ja so viel für die Forschung ausgibt

Wenn der Journalist dem Pharma-Sprecher noch ein bisschen mehr Zeit zum Jammern lässt, dürfen auch die Zahlen “800” (so viel Millionen kostet es mindestens, ein neues Medikament zu entwickeln) und “zwölf” (so lange dauert es mindestens, ein neues Medikament zu entwickeln) nicht fehlen!

Anbei ein aktuelles Beispiel: die Wiwo sprach mit Bayer-Chef Werner Wenning. Der betet brav runter:

Wir müssen über unsere Preise auch unsere Forschungskosten finanzieren. Bayer gibt jährlich für die Forschung und Entwicklung neuer Arzneien 1,6 Milliarden Euro aus. Die Entwicklung eines einzigen neuen Medikamentes kostet zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Euro und dauert bis zu zwölf Jahre.

Was haben Journalisten nicht schon alles versucht, um den ewigen Todschlag-Argumenten etwas entgegen zu setzen. Als Pharma-Referent getarnt haben sie die Marketing-Methoden der Pharma-Konzerne entlarvt (Weiss), als Universitätsprofessorin (Angell) detaillierte Gegenrechnungen aufgestellt. “Ach was”, kann Werner Wenning da nur sagen – der Wortwechsel in der Wiwo ist allerdings so hübsch, den möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

Bayer erzielt im Gesundheitsgeschäft eine Rendite – vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen – von 28 Prozent vom Umsatz. Sie geben nur 15 Prozent vom Umsatz für Forschung und Entwicklung, aber 30 Prozent für Vertrieb aus, um Ärzte zu ködern.

Ach was, der Vergleich hinkt doch. Zu den Vertriebskosten zählen unter anderem auch Verpackungskosten, Bevorratung und Logistik. Und natürlich müssen wir dem Arzt unsere Produkte erklären. Das ist auch zum Wohle des Patienten. Nehmen Sie etwa Bluthochdruckmittel: Nicht jedes Präparat wirkt gleich. Da entsteht Erklärungsbedarf.

Ach was. Es geht darum, die Präparate anzupreisen. Einige Mediziner verbieten sogar Besuche von Pharmavertretern.

In der Pharmabranche gelten heutzutage strenge Richtlinien für den Umgang mit Ärzten. In dem Kodex der Arzneimittelindustrie ist zum Beispiel geregelt, dass Unternehmen Ärzte nicht in Luxushotels und zu opulenten Abendessen einladen dürfen. Da ist in der Vergangenheit zweifellos einiges falsch gelaufen. Bei Bayer achten wir streng auf die Einhaltung des Kodex.

Ach ne!

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Ein Kommentar zu “Ach was!”

  1. Nicola Kuhrt sagt:
    20 April 2010 um 09:50

    Ich sehe gerade, auch “Stationäre Aufnahme” freut sich über den “800 Millionen Euro”-Running-Gag…:
    http://bit.ly/9Ck0pQ

    Die Liste der genannten Pharma-Konzerne und die Tatsache, dass seit rund 10 Jahren mindestens 800 Millionen Euro investiert werden, sollte tatsächliche jeden Journalisten skeptisch machen!

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