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Die Ursuppe – von der Zukunft des Wissenschaftsjournalismus

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Mindestens seit August diskutieren wir sehr intensiv, wie die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus (in Deutschland) aussehen müsste (kritischer, mehr, zur besten Sendezeit…), könnte und sollte  – und wie realistisch es ist, dass sich diese Ziele realisieren lassen.

Auslöser waren die angekündigten und teils schon erfolgten Sparmaßnahmen in verschiedenen Medien, vor allem die des WDR. Etwas musste geschehen, spätestens, nachdem WDR-Intendant Tom Buhrow den Wissenschaftsjournalismus als eine Art Nische im Journalismus bezeichnet hatte. Rund 400 Köpfe aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur haben seit August den WPK-Aufruf „keine-nische.de“ unterzeichnet – sie alle haben sich sehr deutlich gegen Sparpläne im Wissenschaftsjournalismus ausgesprochen.

Auch auf der Wissenswerte 2016 in Bremen, wird es um die Zukunft des Wissenschaftsjournalismus gehen:

In der Podiumsdiskussion Planlos – Ratlos – Wissenschaftsjournalismus – Wie zukunftsfähig ist die Branche?“ (16. November) stellen Thomas Hallet (WDR), Helmut Riedl (Planungskoordinator nano), Andreas Sentker (Zeit) und Markus Grill (correctiv.org) die Vorgänge beim WDR in einen breiteren Zusammenhang. Die Diskussion nimmt die „Nischen“-Bemerkung Buhrows auf und sucht nach Lösungen, wie der Wissenschaftsjournalismus beweisen kann, dass er sich eben nicht in einer Nische einrichten will – zum Beispiel durch mehr Präsenz in der tagesaktuellen Berichterstattung.

Am 17. November ist die konkrete Situation im WDR ebenfalls Gegenstand einer Session auf der Wissenswerten: „Das Crossmedia-Konzept des WDR – Chance oder Kahlschlag?“ Es diskutieren Peter Ehmer und Thomas Hallet (Redaktionsleitung WDR-Hörfunk bzw. -Fernsehen) mit den freien WDR-Mitarbeitern Axel Bach und Michael Stang.

Sensorjournalismus und Hamburger Feldversuche

Zeitgleich mehren sich Projekte und Initiativen, die Teil eines zukünftigten Wissenschaftsjournalismus sein können oder schon sind:

Im Frühjahr 2016 nimmt das Science Media Center in Köln seine Arbeiten auf. Ein Team aus Wissenschaftsjournalisten um Volker Stollorz möchte mit dem SMC – orientiert am britischen Vorbild – bestmögliches Wissen, seriöse Experten und verlässliche Expertisen aus der Wissenschaft an Journalisten in allen Mediengattungen vermitteln. Dies vor allem dann, wenn neuartige, ambivalente oder umstrittene Erkenntnisse aus der Wissenschaft Schlagzeilen machen oder wissenschaftliches Wissen helfen kann, aktuelle Ereignisse einzuordnen. Die Gründung geht auf eine Initiative der WPK zurück und wurde möglich durch eine Förderzusage der Klaus Tschira Stiftung.

ursuppeTV

Blick in die Ursuppe
Der Elektronische Reporter widmete dem Thema Sensorjournalismus ein gutes Drittel seiner aktuellen Ausgabe und hat dafür den Kollegen Jakob Vicari besucht. Berichtet wird über dessen sensationelles Ursuppe-Projekt: Fünf Urzeitkrebse (Trios longicaudatus) werden in einem Aquarium auf dem Schreibtisch von Vicari schlüpfen. Die Tiere werden von Sensoren überwacht, für 60 Tage ihres Leben, von der Geburt bis zum Tod: Temperatur, Licht, Bewegung, Füllstand. Was die Sensoren messen, wird in eine Geschichte umgewandelt – automatisch.

Es ist eine neue Art, Nachrichten zu schreiben, sagt Vicari. „Ursuppe ist eine 60 Tage dauernde Liveberichterstattung. In dem Moment, wo man den Text aufruft, wird er für dich geschrieben“. Kein Journalist würde freiwillig 60 Tage vor einem Aquarium sitzen und Notizen machen,  dem Roboter sei es egal.

Vicari und die Urzeitkrebse

Vicari und die Urzeitkrebse

Immer mehr Dinge des Alltags werden vermessen und sind über das Internet zugänglich: Bis 2020 sollen 25 Milliarden vernetzte Geräte auf der Welt existieren – fünf Mal so viel wie heute, heißt es im Bericht des Elektronischen Reporters. Die Daten können zum Rohstoff für Geschichten werden, meint Vicari. Geschichten, die durchaus auch aus Sicht einer Waschmaschine, einer Kuh oder eines Rasierapparats erzählt werden können.

Sensoren liefern viele nützliche Daten, die auch journalistisch verwertet werden können, heißt es dazu beim Elektronischen Reporter: Zum Beispiel veröffentlicht der Feinstaub-Monitor der “Berliner Morgenpost” regelmäßig aktuelle Messdaten – automatisch und für die Leser verständlich aufbereitet.

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Allerdings interessierten sich Journalisten auch für Daten über ihre Leser, um ihnen auf sie zugeschnittene Inhalte anbieten zu können. Der Elektronische Reporter war daher auch bei Marco Maas – in seinem vernetztes Wohn- und Schlafzimmer in Hamburg. Maas hat seine Wohnung zu einem „Internet der Dinge“ umgewandelt, in dem alles, was es an Sensoren gibt, eingebaut ist. Leuchten sind intelligent, es gibt CO2-Sensoren in jedem Zimmer, überall Bewegungsmelder, außerdem Luftmess-, Heizungs-, Temperatur- und andere Automatik-Systeme.

Die Waage liefert Maas bereits Wetterdaten, das Bett wird demnächst sein Schlafverhalten tracken. Dabei geht es dem Datenjournalisten von Open Data City nicht um die Optimierung seiner eigenen Nachtruhe – er sieht das Smart Home als einen Feldversuch für neue Vertriebswege journalistischer Texte. Kenne man die Situation, in der sich ein Leser gerade befindet, könne man die dazu passenden Texte anbieten: Wetterinfos oder Staumeldungen beim Verlassen der Wohnung, Gesundheitstipps, wenn die Watch zu hohen Blutdruck meldet und Podcasts beim Einstöpseln der Kopfhörer.

Sicher eine Entwicklung, die früher oder später Realität wird. Ich persönlich wünsche mir aus vielen Gründen keinen vorgefertigten, SEO-optimieren und zeitlich perfekt servierten Journalismus,- ob für die Wissenschaft oder in allen anderen Ressorts. Dass die Wissenschaft endlich eine engere Anbindung an die Ressorts Politik und Wirtschaft erhält, das sollte erstes Ziel für die Zukunft sein.

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