Deutsche Forscher erhalten erstmals Tiefsee-U-Boot, WELT

Seewiesen/Kiel – Ausgerechnet dort, wo es kalt und dunkel ist und wo 1000mal höhere Drücke herrschen als an der Meeresoberfläche, entdecken Forscher immer wieder geologische und biologische Phänomene, die weitere Exkursionen geradezu herausfordern.

Allein rund zehn Millionen noch unbekannte Tierarten vermuten die Wissenschaftler in den Tiefen der Ozeane.
Die Entwicklung hochtechnisierter Unterwasserfahrzeuge und Tiefseeroboter macht den Fortschritt der Meeresforschung möglich. Besondere Aufmerksamkeit gilt aber nach wie vor auch den bemannten Tauchbooten, da Passagiere doch besser als jede Kamera und jeder Roboter die geheimnisvollen Welten erkunden können.

Weltweit betreiben mehrere Einrichtungen solche Vehikel. Das spektakulärste taucht derzeit im Auftrag der Japaner: Die “Shinkai” erreicht 6500 Meter unter der Meeresoberfläche – das ist seit 1987 Weltrekord. Die zwei russischen Tauchboote “Mir I” und “Mir II” nehmen zusammen mit der französischen “Nautile” Platz zwei der weltweiten Tauchtiefe ein – sie schaffen 6000 Meter und erreichen damit immerhin 97 Prozent aller Meeresböden. Der tiefste Punkt weltweit liegt bei knapp elf Kilometern. Nach wie vor ist jedoch das Flaggschiff aller bemannten Forschungs-U-Boote die “Alvin”. Sie kann zwar nur bis 4500 Meter Tiefe tauchen, in ihren 40 Dienstjahren gelangen aber so spektakuläre Entdeckungen wie die der Black Smoker – mineralischer Quellen am Meeresboden, die beweisen, daß Leben auch ohne Sonnenlicht allein mit mineralischen Stoffen möglich ist.

Mit finanzieller Unterstützung der National Science Foundation (NSF) arbeitet das Meeresforschungsinstitut Woods Hole an einer neuen “Alvin”. Diese soll wie die “Shinkai” auf 6500 Meter hinabsteigen können, schneller sinken, mehr Aussichtsplätze bieten und über die modernste Technik verfügen. Stolze 21,6 Millionen Dollar sollen Bau und Entwicklung kosten, nach seiner Fertigstellung 2008 wird es laut NSF “das beste Forschungs-U-Boot der Welt” sein.

Und in Deutschland? Hier gibt es ein einziges bemanntes Tauchboot, das auf bescheidene 400 Meter hinabsteigen kann: “Jago”. Berühmt wurde es durch die Erforschung der Quastenflosser im Indischen Ozean, allerdings ist es für die extreme Tiefsee nicht geeignet, erklärt Meeresforscher Hans Fricke vom Max-Planck-Institut in Seewiesen. Er hat “Jago” 1989 gemeinsam mit einem Kollegen, dem Techniker Jürgen Schauer, gebaut, nachdem der damals beim Forschungsministerium vorgelegte Antrag nur hin und her geschoben worden sei.

“Auf dem Gebiet der bemannten Tauchboote hat Deutschland einen blinden Fleck”, sagt Fricke. Gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel (IFM Geomar) soll sich dies nun ändern. So ist beabsichtigt, die “Jago” samt ihrem Team nach Kiel zu holen. Hier sollen dann unter Federführung von Hans Fricke zwei neue deutsche Tauchboote entwickelt werden.

Zunächst ein Modell für eine Tiefe bis 1000 Meter, später soll die “Kiel 3000” folgen – wobei die Nummer der geplanten Tauchtiefe entspricht. “Die Pläne für das erste Boot sind schon sehr weit, die Finanzierung steht”, sagt Peter Herzig, Direktor des IFM Geomar. Rund 300 000 Euro sind zunächst als “Startkapital” für den Bau angesetzt. Der Betrieb soll betont kostengünstig ausfallen.

Vor allem das geringe Gewicht von drei Tonnen – die “Nautile” wiegt 19,5 Tonnen, die “Mir I” 18,6 Tonnen – soll dies ermöglichen. Um das Gewicht niedrig zu halten, haben Fricke und Schauer neue, leichte Stähle in ihre Statikberechnungen einbezogen. Zudem bietet der geplante 1000-Meter-Taucher nur Platz für zwei statt wie meist üblich drei Tauchpiloten. Auch das macht das Boot kompakt. Die Folge: Ist ein Tauchboot leicht, kann es einfacher zu den Einsatzhäfen transportiert werden, auch ist für die Arbeit auf See kein Spezialschiff nötig. Statt dessen könnten die “Poseidon” oder die “Alkor”, beides mittelgroße Boote im Dienst des IFM Geomar, diesen Job übernehmen, sagt Herzig.

Aber braucht man wirklich ein solches Tiefsee-U-Boot? Ähnlich wie in der Raumfahrt werden auch in der Meeresforschung die Vor- und Nachteile von bemannten und unbemannten Missionen diskutiert. Ohne Menschen werden die autonomen Tauchfahrzeuge betrieben, die “autonomous underwater vehicles” (AUV), die rechnergesteuert vorprogrammierte Missionen durchführen, und die “remotely operated vehicles” (ROV), die durch ein Kabel mit dem Mutterschiff verbunden sind.

“Diese Roboter können alle Aufgaben übernehmen, die sonst Tiefseetauchboote ausführen”, ist Michael Klages vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) überzeugt. Das AWI ist in Deutschland die einzige Forschungseinrichtung mit einem solchen Gerät. Die “Kaiseraufgabe” für AUVs ist für Klages die Vermessung der Dicke des Schelfeises in der Antarktis und die Erkundung von unzugänglichen Eishöhlen, deren Stabilität Auswirkungen auf das Weltklima hat.

Da die autonomen Taucher im Betrieb ohne Kabel auskommen, könnten diese unter das Eis geschickt werden und mit nach oben ausgerichtetem Sonar Daten sammeln. “Das kann kein bemanntes Tiefseetauchboot”, sagt Klages. Die Mission wäre viel zu gefährlich, da der Mannschaft des U-Boots ein Auftauchen in Gefahrensituationen nicht möglich wäre: Dafür ist das Schelfeis viel zu dick.

Für Hans Fricke sind die Meeresroboter dennoch kein gänzlicher Ersatz. Die Geräte seien toll, aber den bemannten Tauchbooten in manchen Fällen einfach unterlegen: “Das menschliche Auge sieht immer mehr.”

Erschienen in Die Welt, 10. Mai 2005

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