Akribische Parfümeure, SZ

Das Parfüm entsteht wie im Flug. Der Duft ist unverkennbar, die Mischung aus reinen Pflanzenextrakten.

Viele Wochen lang sammeln die Männchen lateinamerikanischer Prachtbienen die Duftstoffe von Orchideen, Früchten und Holz. Die kostbaren Tropfen mischen die Insekten dann in speziellen Taschen ihrer Hinterbeine zum artspezifischen Duftwasser.
Dass es bei dem ganzen Aufwand nur darum geht, die Prachtbienen-Weibchen zu betören und zur Paarung zu locken, wollen Neurobiologen der Heinrich-Heine Universität in Düsseldorf beweisen. Sie untersuchen die Bienenart „Euglossa cognata“ und konnten erstmals zeigen, dass die Männchen ihr Parfüm nicht einfach nur sammeln, sondern tatsächlich während des Balzflugs freisetzen. Wie ein Zerstäuber sorgt ein Kamm an den Unterseiten der Flügel für die optimale Verbreitung des Bouquets in der Luft.

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Am Smithsonian Tropical Research Institute auf Barro Colorado Island (Panama) versuchen die Düsseldorfer Forscher derzeit, der genauen Wirkung des raffiniert verteilten Parfüms auf die Spur zu kommen. „Der Aufwand, den die Männchen beim Duftsammeln betreiben, ist einfach enorm. Vieles deutet darauf hin, dass die Männchen ihr Parfüm als Sexuallockstoff einsetzen“, sagt Teamleiter Thomas Eltz. Rund 250 verschiedene, metallisch schimmernde Prachtbienen-Arten gibt es in Mittel- und Südamerika. Jede hat ihr eigenes Parfüm, das nach Blumen, Minze oder auch Fäkalien riechen kann. Chemikalische Analysen haben gezeigt, dass das Bouquet aus bis zu 50 verschiedenen Komponenten besteht. Um den richtigen Duft zu kreieren, müssen die Männchen viele Wochen lang zu ganz unterschiedlichen Quellen fliegen und deren Gerüche einsammeln.

Die fliegenden Parfümeure sind allerdings nicht nur fleißig, sagt Thomas Eltz. Zum richtigen Mischen gehöre auch eine gewisse Intelligenz. Schließlich muss der Prachtbienen-Mann wissen, welche Orchideen er bereits angeflogen hat und welche Essenz ihm noch fehlt. Erstaunt hat die Biologen, dass Prachtbienen der gleichen Art, ob sie nun in Panama oder Costa Rica leben, stets den gleichen artspezifischen Duft zusammen mixen – auch wenn ihnen gänzlich andere pflanzliche Rohstoffe zur Verfügung stehen.

Eine Prachtbiene kreiert ihr Parfüm per „Enfleurage“. Die Methode, Duftmoleküle in Fett zu speichern, kennt man auch in der Industrie. Hier wird das aufwändige Verfahren allerdings kaum noch angewandt. Die Biene jedoch, sobald sie auf einer Blüte landet, spuckt ein in ihren Kopfdrüsen hergestelltes Fett auf die Pflanzenoberfläche. Mit Hilfe ihrer bürstenförmigen Mittelbeine streift die Biene die so fixierten Duftmoleküle dann von den Vorderbeinen ab und transportiert sie weiter zu den Hinterbeinen. Mittels Kapillarkräften wird die wertvolle Fracht in deren Dufttaschen gesaugt. Um das im natürlichen Flakon gelagerte Eau de Toilette am Balzplatz wieder freizusetzen, vollbringt die Prachtbiene eine ähnliche komplizierte Bewegungsabfolge in umgekehrter Reihenfolge, die Flügel fächern es in die Luft – das Parfüm schwebt um das balzende Insekt.

So hart die Männchen aber auch arbeiten, nur selten ist ihr betörendes Werben von Erfolg gekrönt. Weibliche Prachtbienen lassen sich sehr bitten, so Biologe Eltz. Langzeit-Beobachtungen hätten gezeigt, dass männliche Insekten häufig vergeblich um ihren Balzplatz, meist ein kleiner Ast im Wald, kreisten. Paarungen finden sehr selten statt. Auch die Düsseldorfer Wissenschaftler, die auf Barro Colorado Island mittels spezieller Duftköder das Verhalten der Prachtbienen testen wollten, warteten bisher vergeblich auf Damenbesuch. Kleiner Trost: Auf die isolierten Parfüms zweier unterschiedlicher Prachtbienen-Arten, ausgelegt auf Filterpapier an verschiedenen Balzplätzen, reagierten immerhin die jeweiligen männlichen Vertreter der Insektenart. Fremde Prachtbienen wurden durch den andersartigen Duft nicht angesprochen, was zumindest schon mal beweist, dass das Bienen-Parfüm als artspezifisches Lockmittel funktioniert. Eltz und seine Kollegen wollen natürlich nicht aufgeben. Mittels optimierter Biotests wollen sie bald wieder auf Brautschau gehen.

Erschienen in Süddeutschen Zeitung, 14./15. Juni 2006

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