“Mein Kopf ist erkältet”, SZ

Die Unkenntnis über die kulturellen und religiösen Hintergründe von Migranten schafft häufig Probleme: Wenn Einwanderer deutschen Ärzten ihr Leid klagen, stoßen sie deshalb häufig auf Unverständnis.

Die Patientin kommt ins Krankenhaus, aber sie kommt nicht allein. Oma, Opa, Onkel, Tanten und natürlich die Eltern und Geschwister begleiten die junge Türkin, der in einem Routineeingriff die Gallenblase entfernt werden soll. Der Auftritt der Großfamilie ist keine Schikane gegenüber anderen Patienten oder dem Klinikpersonal. Aus Sicht vieler türkischer Patienten ist familiärer Beistand ein äußerst wichtiger Bestandteil der Behandlung. “Viele Türken sind davon überzeugt, dass sie eine Krankheit nur mit Hilfe ihrer Familie bewältigen können. Die Angehörigen einfach wegzuschicken, ist für die Genesung des Betroffenen dann nicht förderlich”, sagt Ramazan Salman vom Ethno-Medizinischen Zentrum in Hannover (EMZ). Die Unkenntnis über die kulturellen und religiösen Hintergründe der Migranten schafft häufig Probleme, sagt Salman. Am EMZ werden daher Migranten zu Mediatoren ausbildet, die Aufklärungsveranstaltungen in ihrer Muttersprache anbieten. Sie vermitteln Ärzten beispielsweise, dass es für eine gläubige Muslimin sehr belastend ist, sich vor einem fremden Mann zu entblößen, auch wenn es ein Arzt ist. Hier gelte es zunächst, Vertrauen zwischen Arzt und Patientin aufzubauen. In vielen Fällen hapert es allerdings schon an der einfachsten Form der Kommunikation, der sprachlichen Verständigung.

Gerade in Kliniken in Großstädten kommt es immer wieder vor, dass Ärzte und Patienten sich nur mittels Zeichensprache verständlich machen können oder dass die kroatische Putzfrau die Aufklärung für die anstehende Schrittmacher-OP übernehmen muss. Rund 7,5 Millionen Einwanderer leben mittlerweile in Deutschland – doch das Gesundheitssystem hat sich noch immer nicht auf sie eingestellt. Von einer Berücksichtigung der Belange der Einwanderer durch das deutsche Gesundheitswesen kann noch keine Rede sein, heißt es im jüngsten Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Integration aus dem Jahr 2005. Gründe seien mangelnde Sprachkompetenz in den Einrichtungen, kulturell begründete unterschiedliche Auffassungen von Krankheit, fehlendes Fachpersonal oder fehlende Beratungsangebote. Es gebe zwar immer mehr kultursensible Projekte mit Modellcharakter, diese sind aber meist zeitlich begrenzt und gehen wieder verloren.

Therapie und Gebete Schwierigkeiten bereitet Patienten wie Ärzten oft schon, zu verstehen, was gemeint ist: Die klassische Frage “Wo tut es weh?”, ist nicht so schnell beantwortet. “Die Patienten sagen oft, es tut ihnen überall weh”, berichtet Norbert Kohnen, Arbeitsmediziner aus Köln. Deshalb sei man ja zum Arzt gekommen – er soll herausfinden, was das Problem ist. Klagt ein türkischer Patient über eine geplatzte Gallenblase, muss es sich nicht um einen lebensgefährlichen Notfall handeln. Der Mann hat sich schlicht erschreckt. Genau wie “gebrochene Arme” nicht unbedingt einen Gips benötigen – der muslimische Patient, der sich so ausdrückt, fühlt sich eher ohne Halt. Das muss der behandelnde Mediziner wissen, genau wie ein türkischer Patient, der darüber klagt, dass er “seinen Kopf erkältet hat”, eigentlich meint, er steht kurz davor, durchzudrehen. In der oft durch Hektik geprägten Behandlungssituation in Arztpraxis oder Krankenhaus führen derartige Kommunikationsprobleme schnell zu Missverständnissen.

Oftmals fehlt es schlicht an Beratungsangeboten: Wie Untersuchungen gezeigt haben, wissen Migranten oft wenig über die Abläufe und Angebote des deutschen Gesundheitssystems. Krebsfrüherkennung, Schwangerschaftsvorsorge oder Ernährungsberatung werden selten genutzt, zum Zahnarzt gehen viele Patienten erst, wenn sie Schmerzen haben. Eine Studie im baden-württembergischen Rems-Murr-Kreis ergab, dass ausländische Schüler häufiger Karies hatten als ihre deutschen Klassenkameraden. In der Altersgruppe der elf- bis 13-Jährigen hatten 69 Prozent der türkischen Kinder behandlungsbedürftige Zähne, während dies nur bei 27 Prozent der deutschen der Fall war.

Die Hemmschwelle, in eine Notfallpraxis zu gehen, liegt für viele Einwanderer nicht ganz so hoch, berichtet Matthias David, Gynäkologe an der Berliner Charité. Meist kenne der Patient das Krankenhaus durch einen eigenen Aufenthalt oder den Besuch bei anderen Familienmitgliedern. Das führt jedoch dazu, dass Notfallpraxen auch wegen Symptomen aufgesucht werden, die eigentlich hausärztlich hätten behandelt werden können. “Man müsste die Struktur der Notfallambulanzen ändern und Migranten besser über deren Nutzung informieren”, sagt David. An manchen Kliniken hat man deshalb für Notfälle, die keine sind, einen niedergelassenen Arzt zusätzlich in die Rettungsstelle gesetzt. An den Hochschulen, an denen die Mediziner von morgen sensibilisiert werden könnten, gibt es derzeit erst wenige Angebote.

Ein Vorreiter ist die Universität Gießen, hier kann die Lehrveranstaltung “Interdisziplinäre Aspekte der medizinischen Versorgung von Patienten mit Migrationshintergrund” belegt werden. Verdacht auf Malaria Auf dem Semesterplan stehen praktische Informationen zu hierzulande eher unbekannten Krankheiten wie dem Mittelmeer-Fieber, dessen Symptome oft mit Malaria verwechselt werden, sowie kulturelle Aspekte. “Wir wollen auf die Unterschiede hinweisen, diese aber nicht bewerten”, nennt Medizinhistoriker Michael Knipper ein Ziel des Seminars. Vor allem die Betrachtung der kulturellen Hintergründe sollte eigentlich bei der Behandlung eines jeden Patienten erfolgen, auch deutsche Patienten haben ihre Art, Krankheit wahrzunehmen. Das sei keine Multi-Kulti-Romantik, sagt Knipper, “Migration und kulturelle Vielfalt gehören schließlich längst zum ganz normalen Alltag in Deutschland.” Die Ersten, die sich konkret auf diesen Alltag eingestellt haben, tun dies nicht uneigennützig: Ärzte verdingen sich erfolgreich als Herausgeber bilingualer medizinischer Wörterbücher, Apotheker beraten ihre ausländischen Kunden nicht nur über Nebenwirkungen ihrer Medikamente, sondern begleiten diese auch zu Ärzten und Krankenkassen – und freuen sich über viele treue Stammkunden. Umworben werden vor allem die Migranten der ersten Generation. Im Gegensatz zu ihren Kindern sind diese Menschen, die in den fünfziger und sechziger Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, weniger integriert und sprechen oft kaum Deutsch.

Schätzungen haben ergeben, dass diese “ausländischen Alten” schon bald ein Drittel aller über 60-Jährigen hierzulande ausmachen werden. Lebten 2003 knapp 800 000 Migranten über 60 Jahre in Deutschland, werden es in 2010 rund 1,3 Millionen sein. Diese Menschen sind, laut jüngster Studien im Auftrag der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, häufiger durch körperliche Erkrankungen und psychische Belastungen beeinträchtigt als deutsche Senioren.

Untersuchungen zeigen zudem, dass alterstypische Risiken im Lebenslauf von Migranten früher auftreten. Dies gilt auch für Erkrankungen wie Demenz. “Darauf ist man in Deutschland nicht vorbereitet”, sagt Ramazan Salman vom EMZ in Hannover. Die ersten Einrichtungen, die sich verstärkt auf ausländische Kunden einstellen, seien Rehabilitationskliniken. Eine solche Einrichtung ist die Median-Klinik in Bad Oeynhausen. Das Haus mit den Schwerpunkten Neurologie, Orthopädie, Rheumatologie und Geriatrie, wirbt mit einem “speziellen medizinischen Konzept zur Rehabilitation muslimischer Patienten”. Geschulte Begleiterinnen bieten einen türkischsprachigen Anmelde- und Begleitservice. Es gibt Halal-Kost und spezielles Infomaterial. Die Therapie wird nach den Gebetszeiten ausgerichtet, die Patienten werden nach Wunsch auch in die Moschee gefahren.

Der Reha-Markt ist hart umkämpft, wer sich auf muslimische Patienten ausrichtet, kann sich noch über seine Vorreiterrolle freuen – und über regen Zuspruch aus den angesprochenen ausländischen Gruppen. Beim dem Versuch, verstärkt auf die Bedürfnisse ausländischer Patienten einzugehen, gilt es allerdings noch viel zu lernen. Zum Service der Median-Klinik gehört beispielsweise, dass sich der Patient dort einen Gebetsteppich ausleihen kann. Eine neue Art der Überversorgung: Jeder Muslim, der in die Klinik kommt, hat natürlich seinen eigenen Teppich dabei.

Süddeutsche Zeitung, 27. Februar 2007

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