Kluge Köpfe, ganz nah, KStA

„Laborratte“. „Vom Äußeren: graue Haare, weißer Kittel und schlampig“. „Kein Unterhalter, besserer Nachfrager, immer auf der Suche.“

Knapp 200 Erwachsene berichteten Mitgliedern der Jungen Akademie in einer empirischen Studie, wie sie sich den typischen Wissenschaftler vorstellen. Neben Laborkittel und brodelnden Reagenzgläsern tauchen Brille und wirres Haar immer wieder als Beschreibungsmerkmal auf.
Der Prototyp eines Wissenschaftlers ist für viele Albert Einstein – ein Mensch „mit verrückten Ideen, die er in seiner eigenen kleinen Welt ausbrütet, die zumeist nur von wenigen Menschen verstanden werden.“ Für die Studienautoren sind diese Antworten natürlich nur Klischees, die man schnellstmöglich entkräften will. Doch wenn am Montag in Stockholm die Nobelpreise unter anderem an die deutschen Forscher Peter Grünberg (Physik) und Gerhard Ertl (Chemie) vergeben werden, finden sich viele dieser Klischees auf den ersten Blick bestätigt. Man wird ältere Herren mit grauem Haar sehen, die ihre Preise für Entdeckungen in Empfang nehmen, die man nicht wirklich nachvollziehen kann. Kein Grund, falsche Schlüsse zu ziehen, sagt Peter Badge, der viele Nobelpreisträger kennt und ganz anders erlebt hat.

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Der junge Fotograf aus Berlin hat in einem weltweit einzigartigen Projekt für die „Stiftung Lindauer Nobelpreisträgertreffen“ alle heute noch lebenden Nobelpreisträger fotografiert. Seit 2000 sind so 293 ganz besondere Aufnahmen der ausgezeichneten Wissenschaftler, Literaten und Politiker zusammengekommen, die nun in dem Buch „Nobel Faces“ der Öffentlichkeit vorgestellt werden. „Die Nobelpreisträger widerlegen die gängigen Klischees über Wissenschaftler“, sagt Badge. In seinen Bildern zeigt er keine Forscher-Ikonen, sondern Entdecker von einer entspannten, nicht öffentlichen Seite. Mit dem amerikanischen Physiker Steven Chu ging er schwimmen. Mit Reinhard Selten (Ökonomie 1994) hat er gefrühstückt. Nobelpreisträger Paul Samuelson lud zum Fotoshooting mit Hund in sein Ferienhaus, den Physiker Hans G. Dehmelt fotografierte Badge mit nacktem Oberkörper und Sonnenhut. „Dehmelt lag, nur mit einer Unterhose bekleidet, am Pool und fragte mich: ,Sie wollen alte Männer fotografieren? Dann fangen Sie mal an!’“

Das Leitmotiv des Projekts war es, junge Menschen für die Wissenschaft zu begeistern. „Die sollen einfach sehen, das könnte ja mein Nachbar sein.“ Die meisten der Preisträger seien schon recht alt, sagt Badge, aber das habe mit den Statuten des Nobelpreises zu tun. Schließlich würden ja (meistens) nur Erfindungen ausgezeichnet, deren Auswirkungen nachhaltig sind – und das dauert nun mal seine Zeit in einem Wissenschaftlerleben. Filmregisseur Wim Wenders, der das Editorial für die „Nobel Faces“ verfasst hat, zeigt sich begeistert. Davon, wie offen die meisten der Preisträger in die Kamera blicken – und wie einfach sie geblieben sind. „Und das, obwohl sie alle Dinge entdeckt und entwickelt haben, die das Leben aller Menschen nachhaltig beeinflusst und verbessert haben“, meint Wenders. Man denke nur an die Entdeckung der DNA, die Entwicklung von Insulin, bildgebenden Verfahren oder Kunststoffen. „Das war auch ein Ziel meiner Arbeit. Den Wissenschaftlern, die durch Ihre Erfindungen unserer Lebensqualität weit verbessert haben, einmal ein Gesicht zu geben. Fast jeder kennt die ‚stars’ der daily Soaps, aber wer weiß schon, wer den Laser erfunden hat“, sagt Badge.

Der Forscher an sich hat es eben nicht leicht. In der Öffentlichkeit wird er zum netten, aber weltfremden Professor abgestempelt, und auch, wenn er etwas Bahnbrechendes entdeckt hat, scheint er als Medienstar wenig zu taugen – oder wissen Sie noch, wer im vergangenen Jahr den Nobelpreis für Physik oder Chemie erhalten hat? „Menschen und Medien interessieren sich generell mehr für Personen und das Außergewöhnliche, Wissenschaftlern wiederum geht es um ihre Wissenschaft. Ihr Auftreten ist geprägt durch eine vorsichtige, oft auch komplizierte Ausdrucksweise“, nennt Christian Salzmann vom Institut für Wissenschafts- und Technikforschung in Bielefeld, einen möglichen Grund für das Problem. Er vermutet, dass viele Forscher einfach nicht besonders „medientauglich“ sind. Wissenschaftler, die es bisher geschafft haben, in die Köpfe der Öffentlichkeit zu gelangen, erfüllen zumindest einige für die öffentliche Wahrnehmung wichtige Kriterien: Sie arbeiten in gesellschaftlich sensiblen Bereichen, wie etwa Ian Willmut, der durch das Klonen von „Dolly“ berühmt wurde. Wichtig dürfte auch eine große Portion Charisma sein – Albert Einstein bleibt hier das gute Beispiel. Oder der Physiker Stephen Hawking. Er ist natürlich ein brillanter Wissenschaftler, tatsächlich spielt aber auch sein bewundernswerter Kampf mit seiner Krankheit eine große Rolle.

„Man kann es den Menschen aber nicht verdenken, dass sie nur ein sehr undifferenziertes Bild von einem Wissenschaftler haben“, findet Christian Salzmann. Die Bilder, die über die Medien transportiert werden, haben eine lange Zeit nur Klischees transportiert. Man denke etwa an die genialen aber verrückten Forscher in den James Bond-Filmen. „Diese Stereotypen sind sehr resistent“, sagt Salzmann, Aber, kleiner Trost für die Nobelpreisträger von morgen: Langsam scheint sich das Bild zu ändern. Zum Beispiel dadurch, dass Wissenschaftler in immer mehr gesellschaftlich bedeutsamen Themen gefragt sind, etwa beim Klimawandel oder auch der Stammzellforschung. Und dadurch, dass in den Wissenschafts-Sendungen im Fernsehen viele, ganz unterschiedliche Forschertypen zu sehen sind. In den Bond-Filmen ist das neue Bild des Wissenschaftlers bereits angekommen. Hier ist der Forscher nicht mehr der böse Weltbesetzer, sondern weiblich, smart und attraktiv. Als Gehilfin von 007 rettet sie die Welt.

Aber sollte es überhaupt mehr Medienstars unter den Wissenschaftlern geben? In Zeiten immer leerer werdender Förderkassen und öffentlicher Diskussionen etwa zur Genomforschung hat der Prozess, sich als Wissenschaftler aktiv an die Gesellschaft zu wenden, bereits begonnen. Sicher eine positive Entwicklung, denn von mehr Transparenz profitiert jeder Einzelne. Welche Langzeitwirkung die verstärkte Orientierung der Wissenschaft an den Medien und umgekehrt haben wird, darüber könne man im Moment aber nur spekulieren, sagt Christian Salzmann. Gefährlich werde es nur, wenn sich die Grenzen auflösen und die Präsenz in den Medien über die weitere Förderung von Forschung bestimmt.

Peter Badge: Nobel Faces, A Gallery of Nobel Prize Winners, Wiley-VCH, 2007

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