Die X-ray Stippvisite, WPK

Grenoble. Einige Forscher können ihre Freude kaum verbergen.

„Endlich kommt mal jemand!“ Die deutschen Wissenschaftler, viele bereits seit Jahren an der Europäischen Synchrotronstrahlungsquelle ESRF in Grenoble beschäftigt, scheinen sich etwas einsam zu fühlen auf ihrem Posten in den französischen Alpen.

Eigentlich erstaunlich. 1988 gestartet, gilt das ESRF, eine der größten Synchrotronstrahlungs-Quellen weltweit, als äußerst renommiert und erfolgreich. Finanziert wird das ureuropäische Projekt durch mittlerweile 19 EU-Staaten, das Jahresbudget liegt bei 86 Millionen Euro. Deutschland hält 25,5 Prozent und ist neben Frankreich Hauptgeldgeber. Jährlich kommen über 8000 Wissenschaftler aus der ganzen Welt nach Grenoble, um ihre Versuche hier durchzuführen, rund 1000 davon aus Deutschland. Deutsche Journalisten werden dagegen kaum gesehen. Unsere kleine Gruppe, mit dem Verband „Wissenschafts-Pressekonferenz“ (WPK), für ein paar Tage ans ESRF gereist, ist eine echte Seltenheit. Abgesandte des Berliner Forschungsministeriums kommen noch seltener, die dazugehörige Ministerin durfte Pressesprecher Claus Habfast noch gar nicht begrüßen.

Vielleicht ist die Lage schuld? Grenoble ist zwar nicht die ferne arktische Forschungsstation, doch erreicht man die Alpenstadt, gänzlich umgeben von hohen Bergketten, nicht ganz ohne Umwege. Der nächste Flughafen befindet sich eine Autostunde entfernt in Lyon, das Forschungs-Institut selbst drückt sich in das hinterste Ende Grenobles, gelegen in einer gigantischen Talgabelung.
Nicht nur die sehr nahen schneebedeckten Gipfel von Grand Veymont, Pinéà oder Charmant Som, auch die Dimension des Teilchenbeschleunigers lassen staunen. Wie ein gewaltiges Ufo liegt das ESRF im Schatten der Berge. 600 Menschen arbeiten am Teilchenbeschleuniger, knapp 1000 Forschungsprojekte werden pro Jahr abgeschlossen.

Drinnen herrscht gedämpftes Licht. Viel Beton, dazwischen ein unglaubliches Gewirr aus Kabeln, Rohren, Metalltreppen und Schienen. Wer es eilig hat, nutzt eines der bereitstehenden Fahrräder, um im Beschleuniger voran zu kommen. Immer schön außen um den Speicherring (844,4 Meter Umfang) rum, drinnen sausen die Elektronen im Kreis, von unzähligen Magneten abgelenkt. Immer, wenn sie ihre Richtung wechseln, strahlen sie Licht mit unvorstellbar hoher Intensität ab – im Wellenlängenbereich vom Infrarot bis zur harten Röntgenstrahlung. In einer “Beam Line” wird das Licht – je nach gewünschter Anwendung – haarfein fokussiert und gefiltert. So lässt sich Materie auf der Größenskala von Atomen und Molekülen untersuchen – sei es in Physik, Biologe, Chemie, Medizin oder Materialwissenschaften.

Der Besuch gleicht einer einzigen X-ray-Stippvisite. Sektor 26, Beam-Line ID24. Die Wissenschaftler reproduzieren die Umgebung eines Automobilmotors um den Wirkungsgrad eines Katalysators zu untersuchen. Ein Chemiker aus England, der auch noch Marc Newton heißt, analysiert die Zusammensetzung der ausgestoßenen Gase. Die Frage nach eventueller Verwandtschaft mit dem großen Physiker und Mathematiker muss er verneinen.

Beam-Line ID19: Von hier konnte gerade eine wissenschaftliche Sensation vermeldet werden. Paul Tafforeau – der einzige festangestellte Paläontologe am ESRF – richtet den Strahl auf Fossilien und macht verborgene Strukturen sichtbar. Normalerweise entdeckt er so Ameisen in einem großen Brocken Bernstein oder Schichten im Zahnschmelz. Mehr oder weniger zufällig fanden der Franzose und ein amerikanischer Kollege nun ein 300 Millionen Jahre altes Gehirn. Es ist das erste Mal, dass derart alte fossile Strukturen entdeckt wurden. Veröffentlich wurde der Fund in der renommierten Fachzeitschrift Fachzeitschrift “Proceedings of the National Academy of Sciences” (PNAS). Bei der Durchleuchtung eines versteinerten Vorfahrens der Haie war den Forscher eine merkwürdige hirnartige Struktur im Kopfbereich aufgefallen. Aus der dreidimensionalen Rekonstruktion können nun neue Erkenntnisse über die Evolution von Gehirnen und Nervensystemen gewonnen werden.

Und weiter: Beam-Line ID13 – Materialforschung in Nanometerauflösung. Die geheime Zusammensetzung des Spinnenfadens wurde ebenso untersucht wie interstellarer Staub, ein Mitbringsel der Stardust-Mission.

Noch schnell zur Beam-Line ID 20 – die gehört immerhin zum Forschungszentrum Dresden-Rossendorf (FZD) – eine Art deutscher Kolonie sozusagen. Auch Andreas Scheinobst und seine Mitarbeiter freuen sich über die Gäste aus der Heimat. Gearbeitet wird vor allem an radiochemischen Problemstellungen. Die Identifizierung und Quantifizierung von Actinidenspezies und anderer Radionucliden dient etwa der Risikoabschätzungen für die zukünftige Lagerung radioaktiver Abfälle.
Stopp. Francesco Sette, Generaldirektor des ESRF, ließ es sich natürlich nicht nehmen, die deutschen Journalisten ausführlich über die zukünftigen Wachstumspläne, im Folgenden nur noch „Upgrade I“ genannt, zu informieren. 180 Millionen Euro von 2008 bis 2015. Acht neue Beamlines bis 2012, Erweiterung der Infrastruktur, Überarbeitung der Technik, noch mehr Service für die Forscher aus aller Welt, weitere Kooperationen – auch mit dem benachbarten Institut Laue-Langevin, immerhin die stärkste Neutronenquelle der Welt. Sette redet sich in Rage, verrät seine kühnste Ideen: Wenn möglich soll am Ende doch bitte gleich die gesamte Talgabelung ein einziges Forschungsareal werden – sozusagen ein Hightech-Polygon, das „Scientifique GIANT“. Na bitte – wenn es so weit ist, kommt bestimmt auch endlich mal ein deutscher Minister.

Zum Nach-Radeln:

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