Der letzte Zeuge, FAS

Ein geplantes Hafenprojekt in Tansania bedroht den Lebensraum der seltenen Quastenflosser.

Essen sollte man ihn nicht. Tut man es doch, sind Bauchschmerzen noch das kleinste Übel, denn das ölhaltige Fleisch wirkt stark abführend. Die Fischer in der Mwambani-Bucht nahe der Küstenstadt Tanga in Tansania entschieden sich denn auch, das merkwürdige Tier, das ihnen da ins Netz gegangen war, nicht zu verzehren. Sie wollten schließlich richtige Fische fangen und kein knochiges Urvieh mit derben Schuppen.

Das war im September 2003 ein großes Glück für die Forschung: Statt in der Pfanne landete der zwei Meter große Fisch in den Kühltruhen des Tanzanian Fisheries Research Institute in der Hauptstadt Daressalam. Die Wissenschaftler dort begriffen schnell, dass es sich bei dem Fisch um keinen anderen als den seltenen Quastenflosser Latimeria chalumnae handelte. Bis 1938 galt er als ausgestorben, und zwar seit 60 Millionen Jahren. Versteinerte Verwandte dieses lebenden Fossils hatte man bereits in 400 Millionen Jahre alten Formationen gefunden. Verändert haben sich die bis zu hundert Kilogramm schweren Tiere bis heute offenbar kaum.

Bedrohung durch aggressive Fischereimethoden

Bislang waren Quastenflosser vor den Küsten Südafrikas, Indonesiens, der Komoren, Madagaskars, Moçambiques und Kenias entdeckt worden, meist aber nur eines oder wenige Exemplare. “Es könnte sein, dass sie aus dem Südpazifik nach Tansania gewandert sind”, vermutet Hans Fricke. Dem Biologen und seinem Team vom Max-Planck-Institut in Seewiesen war es 1987 erstmals gelungen, den Quastenflosser in seiner natürlichen Umgebung zu beobachten.

Bis heute wurden in der Mwambani Bay weitere achtzig Exemplare gefangen – die weltweit größte Zahl in einem derart kurzen Zeitraum. John Magufuli, der Minister für Landwirtschaft und Fischerei in Tansania, verkündete im Parlament, dass ein marines Schutzgebiet für die Tiere geschaffen werden sollte; mehrere Naturschutzgruppen sagten ihre Unterstützung zu. Denn dass der Latimeria vor Tansania überhaupt so häufig gefangen wird, liegt an den immer aggressiveren Fangmethoden. Dynamitfischen hatte den Fischbestand im Flachwasser drastisch schrumpfen lassen, so dass seit ein paar Jahren Stellnetze aufgebaut werden, positioniert in Tiefen von bis zu 200 Metern. Und in diese Fallen gehen dann nicht nur Fische und Haie, sondern eben auch die streng geschützten Meeresbewohner.

Ein Hafenprojekt

Noch ist die sechs Kilometer lange Mwambani-Bucht nahezu unberührt, berichtet Wolf-Dietrich Paul. Der Biologe am Amt für Umweltschutz in Stuttgart hat mehrere Jahre in einem Dorf nahe der Bucht gelebt und dort für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit gearbeitet. Die der Küste vorgelagerten kleinen Inseln sind unbewohnt. Unter Wasser erstrecken sich Korallenriffe, am Land wachsen dichte Mangrovenwälder. Das Umland ist dünn besiedelt, ein paar kleine Dörfer, einige Kokospalmen-Plantagen, sonst nichts. Straßen existieren keine, nur Feldwege.

Doch genau dieses Idyll scheint jetzt in Gefahr. Quastenflosser-Forscher berichten über Pläne der tansanischen Hafenbehörde, in der Bucht einen neuen Tiefwasserhafen zu errichten – als Erweiterung für den in Tanga, gerade mal acht Kilometer entfernt. Ein entsprechender Masterplan der niederländischen Beratungsfirma Royal Haskoning wurde von der Weltbank finanziert und im November 2008 veröffentlicht. Er beschreibt vier Szenarien für die zukünftige Entwicklung der tansanischen Häfen. Empfohlen wird – neben dem Bau eines neuen Hafens in Bagamoyo – die Errichtung eines weiteren Hafens in Mwambani Bay. Zu den genauen Hintergründen hat sich bislang keiner der Beteiligten geäußert. Weder das Ministerium für Fischerei und Agrarwirtschaft in Daressalam noch die tansanische Hafenbehörde reagierten auf Anfragen dieser Zeitung.

Stadtentwicklung auf tansanisch

Tatsächlich ist die Idee, in der Mwambani-Bucht einen Hafen zu bauen, gar nicht neu. Der erste Vorschlag stammt aus dem Jahr 1977. Im Zuge des damals noch blühenden Exports von Sisalfasern prüfte die Bank für Wiederaufbau und Entwicklung schon einmal die Möglichkeit, die Kapazität des Tanga-Hafens zu steigern. Der Sisalexport kam zum Erliegen, die Pläne verschwanden in der Schublade.
Viele halten den neuerlichen Hafenbauplan sowieso nur für einen Vorwand. Auch Wolf-Dietrich Paul vermutet, dass es viel eher darum geht, die ortsansässigen Fischer und Bauern aus ihren Häusern zu vertreiben. Auf den frei werdenden Flächen könnten sich dann reiche Tansanier ansiedeln. “Das war und ist in Tansania ein gängiges Vorgehen”, hat Paul beobachtet.

Tatsächlich würden jetzt schon Enteignungen vorgenommen, berichtet ein Forscher, der in der Region arbeitet. Das erkenne man ganz leicht: “Wer ausziehen muss, bekommt eine rote Nummer auf sein Haus gemalt.” Namentlich genannt werden möchte der Wissenschaftler nicht – aus Angst vor Schwierigkeiten mit den staatlichen Behörden.

Widerstand gegen das Hafenprojekt

In Tansania, einer Präsidialrepublik, existiert zwar ein Mehrparteiensystem, tatsächlich kommt den Oppositionsparteien aber nur eine untergeordnete Rolle zu. Trotzdem engagieren sich inzwischen nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Vertreter von Reedereien und lokalen Wirtschaftsverbänden für den Schutz der Quastenflosser-Bucht. Sie haben eine technische Analyse vorgelegt, die über die Internetseite des regierungsunabhängigen Naturschutzverbands “Tanzania Natural Resource Forum” verbreitet wurde (www.tnrf.org/node/ 7066).

Darin heißt es, zunächst sei es wichtiger, den derzeit bestehenden, aber miserabel gemanagten Hafen in Tanga professioneller zu betreiben und zu erweitern, als einen neuen zu bauen. Die Planung basiere zudem auf lückenhaften und veralteten Daten. Das Ausmaß des vergangenen und zukünftigen Güterverkehrs sei unter- beziehungsweise überschätzt worden und die gegenwärtige Situation des Hafens von Tanga falsch wiedergegeben. Schon heute könnten dort mehr als drei Millionen Tonnen Güter pro Jahr verladen werden und nicht erst, wie durch die Behörden behauptet, im Jahr 2028.

Eigentlich sei in Tansania für derartige Projekte auch eine Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfung nötig, berichten die Quastenflosser-Schützer. Bei der zuständigen Organisation, dem National Environmental Management Council, sei allerdings noch kein derartiger Antrag eingegangen. Auch eine Abstimmung zwischen den Hafenbefürwortern und den Regierungsstellen, die für die Planung des marinen Schutzparks zuständig sind, etwa die “Marine Parks and Reserve Unit” des Ministeriums für Landwirtschaft und Fischerei, scheint es nicht zu geben.

Erneute Ankündigung eines Schutzgebiets

Letztere lud immerhin in der vergangenen Woche zu einem Workshop nach Daressalam. Politiker, Forscher aus Tansania und Vertreter der umliegenden Dörfer sowie von Nichtregierungsorganisationen nahmen teil. Minister John Magufuli hielt die Eröffnungsrede. Erneut kündigte er die Errichtung des Quastenflosser-Schutzgebiets an. Den geplanten Hafenbau im selben Gebiet erwähnte er mit keinem Wort. Auf das Thema angesprochen, reagierte er abweisend.
Wie es nun in der Mwambani-Bucht wirklich weitergeht, weiß offiziell niemand. Naturschützer sind sich einig, dass es eine Katastrophe wäre, wenn der Hafen käme. “Ein derartiges Projekt wäre purer Irrsinn”, sagt Biologe Wolf-Dietrich Paul. Es handele sich schließlich um eine Flachwasser-Lagune. Um hier einen Hafen zu bauen, wären Sprengungen beachtlichen Ausmaßes nötig. Latimeria chalumnae würde endgültig von einem für ihn sicheren Ort vertrieben.

“Den Quastenflosser zu erforschen bietet einen einzigartigen Blick in die Geschichte der Erde”, erklärte Mike Bruton, ein renommierter Quastenflosser-Forscher und lange Jahre Direktor des J.L.B. Smith Institute im südafrikanischen Grahamstown, vor kurzem gegenüber Nature online. “Die Gesellschaft sollte sehr vorsichtig mit diesen unersetzlichen Zeugen umgehen.”

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