Individualisierte Medizin: Wann kommt sie denn, die Debatte?

13. Symposium des Teltower Kreis, Auditorium Friedrichstraße Berlin, 5.11.09

Die “individualisierte” Medizin– oder genauer, das, was jeder darunter versteht – treibt alle um. Immer, wenn derzeit Mediziner, Krankenkassenvertreter und Politiker, wenn Wissenschaftler, Pharmareferenten und Politiker zusammen treffen, um sich über den Fortschritt in der Medizin zu beraten, enden die Veranstaltungen stets mit Statements wie “Wir brauchen eine Diskussion in der Gesellschaft.” Betroffen sind eben alle und so geht auch die Diskussion gern wild durcheinander.

Im Anschluss an die BMG-Tagung zur Zukunft der Versorgungsmedizin im April diesen Jahres sollte die Gesellschaft über eben diese diskutieren. Auf der ersten deutschen Rabattbörse in Köln, wo Vertreter von Pharmakonzernen und Krankenkassen vor kurzem in entspannter Atmosphäre (Rheinfähre) über Preisnachlässe für innovative Originalpräparate berieten, wurde der Gesellschaft die Aufgabe zuteil, über die zukünftige Arzneimittel-Versorgung nachzudenken. Spricht man mit führenden Onkologen, machen sie darauf aufmerksam, dass die Gesellschaft – angesichts steigender Kosten der immer individualisierteren Therapien – darüber diskutieren muss, welche Behandlung sie sich leisten will.

Heute lud der Teltower Kreis zu seinem 13. Symposium: “Individualisierte Medizin – kollektive Verantwortung. Was kann und soll das Solidarsystem leisten?” Viele kluge Sachen wurden gesagt, der Fortschritt zunächst einmal als generell positiv beurteilt, Ethiker Peter Dabrock versuchte zwischen Kritiker und allzu begeisterten Vertretern der Möglichkeiten von Gentests und Biomarkern zu vermitteln und regte an, statt “individualisierter Medizin” doch lieber von “Stratifizierung” zu sprechen.

Rainer Hess, der gern betonte, der “unabhängige” Vertreter des Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) zu sein, machte deutlich, dass es nicht 20 Jahre dauern wird, bis mit der Zulassung von Arzneimitteln erstmals die Durchführung von Gentests diskutiert werde. Eine erste Entscheidung werde die Richtung weisen, und das passiere sicher bereits schon in wenigen Jahren. Die Qualität müsse natürlich gesichert, die Methoden geprüft sein. Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer, wunderte sich: “Es ist doch nicht so, dass das was derzeit passiert, etwas vollkommen Neues ist. Medizin war schon immer ein individueller Prozess. Jetzt geht es ans Feintuning.” Also, locker bleiben und dem Fortschritt seinen Raum geben? Zum Glück saß dann noch Johannes Vöcking, Vorstandsvorsitzender der Barmer Ersatzkasse auf dem Podium, um doch noch die bekannte Diskussions-Anregung zu formulieren. “Das sei ja alles gut und schön”, erklärte er, die Kassen hätten ja den Auftrag, notwendig und zweckmäßig zu handeln. “Aber ‘optimal’ steht da nicht drin.” Was also, sei zu tun?
Sie ahnen es schon – die Debatte in der Gesellschaft muss her. Nein, diesmal wird gar eine “Nachhaltigkeits-Diskussion” über die Ressource Gesundheit gefordert.

Wer aber ist das eigentlich, “die” Gesellschaft? Und wo trifft sie sich zur Diskussion? Was muss passieren, damit den Worten Taten folgen?

Man kann nur hoffen, dass das bald jemand herausfindet, sonst hat die Realität die Gesprächsangebote längst überrundet.

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