Ne kölsche Jung muss gehen, FAS

Seit Freitag ist es amtlich: Der Vertrag mit Peter Sawicki als Leiter des “Instituts für die Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen” (IQWIG) in Köln wird nicht verlängert. Das war abzusehen.

Sawicki war der Wunschkandidat. Als die rot-grüne Bundesregierung 2004 die Gründung des Instituts beschloss, eilte dem damaligen Chefarzt des St. Franziskus-Hospitals in Köln der Ruf der Unbestechlichkeit voraus. Als Gründer eines “Instituts für evidenzbasierte Medizin” war Sawicki zudem für seine Gradlinigkeit bekannt. Beste Vorraussetzungen also für den Führungsposten in einem Haus, das beurteilen sollte, ob neue Arzneimittel und anderer Therapien wirklich besser sind als bisherige. Teure Scheininnovationen galt es zu entlarven. Eine Freundschaft mit der Pharmaindustrie, für die jede negative Beurteilung Millionenverluste bedeutet, konnte also von vornherein ausgeschlossen werden.

Man wollte Sawicki unbedingt für die Instituts-Leitung gewinnen, erinnert sich ein ehemaliges IQWIG-Vorstandsmitglied. Und man habe natürlich auch über Geld verhandelt, weil sich das Gehalt eines Institutsleiters am Einkommen von Krankenkassenvorständen orientiert, was wiederum Abstriche vom Chefarztsalär bedeutete.
Vorstände von Krankenkassen haben zum Ausgleich dafür Anspruch auf einen Dienstwagen mit Fahrer. Peter Sawicki nahm den Job an, kutschieren lassen wollte er sich aber nicht. Letztlich einigte man sich darauf, dass der IQWIG-Chef seinen eigenen Wagen weiter fahren konnte. Private wie dienstliche Fahrten wurden über das Institut abgerechnet – eine aus heutiger Sicht folgenschwere Entscheidung, zu der ein eher laxer Umgang Sawickis mit Spesen und Dienstwagen hinzukam.
Seinem Ruf als entscheidener Pharma-Kritiker wurde Sawicki gerecht. Wenn seine Institutsmitarbeiter Medikamente wie etwa die kurzwirksamen Insulinanaloga, den Cholesterin-Senker Sortis oder das Alzheimer-Präparat Memantin negativ bewerteten, hat er solche Urteile stets verteidigt. Die Krankenkassen freuten sich darüber, schließlich sparten sie viel Geld. Mediziner und Wissenschaftler lobten seine zielstrebige Arbeit. Die Medien kürten Sawicki zum unnachgiebigen “Doktor No”.
Die Pharmafirmen ließen freilich keine Gelegenheit aus, das Kölner Institut samt seinem Chef zu attackieren. In Pressemitteilungen warf man dem Haus abwechselnd mangelnde Kompetenz oder Ignoranz von Patienteninteressen vor. Abgesandte großer Pharmakonzerne beschwerten sich schon mal direkt bei Kanzlerin Merkel. Gekämpft wurde immer mit harten Bandagen, und daran war Peter Sawicki nicht ganz unschuldig. So fragte er einen Pharmavorstand bei Gelegenheit, ob seine Kritik am IQWIG aus Böswilligkeit oder Unkenntnis erfolge – auf kleine Provokationen konnte auch er wohl nicht verzichten.
In dieser Situation hätte Peter Sawicki eigentlich mehr als akribisch darauf achten müssen, dass seine Spesenabrechnungen stimmen, sagt ein Krankenkassen-Vorstand, der namentlich nicht genannt werden möchte. “Hier suchen Gegner immer zuerst. Und man findet ja auch immer was.” Doch Sawicki, dem Feinde wie auch Freunde eine gewisse Selbstherrlichkeit bescheinigen, handhabte das eher lässig. Als ihn sein kaufmännischer Geschäftsführer Ende November 2009 darauf hinwies, “dass es in der Vergangenheit möglicherweise Fehler bei der Abrechnung” gegeben habe, beantragte Sawicki selbst die Deutsche Warentreuhand AG, seine Reise- und Kfz-Kosten zu kontrollierten.
Zu dieser Zeit wurde über die Personalie Sawicki schon heftig diskutiert. Auslöser war ein Schreiben mehrerer Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Gesundheit der CDU. Nach der Bundestagswahl im forderten Politiker um Jens Spahn in den “Kernforderungen an eine schwarz-gelbe Gesundheitspolitik”, die Arbeit des IQWIG müsse neu geordnet werden: “Diese Neuausrichtung muss sich auch an der personellen Spitze des Hauses niederschlagen.” Sawickis Vertrag lief noch bis August 2010, musste also ohnehin neu verhandelt werden.
Diese Personalentscheidung stand nun ganz oben auf der Themenliste der IQWIG-Vorstandssitzung am vergangenen Mittwoch. Kurz zuvor wurde der Spesenrüfungsbericht, wenig einfallsreich “Hippocrates” betitelt, mehreren Journalisten zugespielt. Prompt wurden schon im Vorfeld der Verhandlungen Details bekannt: So habe Sawicki immer die teure Business-Class gebucht, zudem in den Jahren 2006 und 2009 Dienstwagen geleast, ohne den Vorstand darüber zu informieren.
Die Vorwürfe gaben den Kritikern Sawickis, zu denen nach dem Regierungswechsel im Herbst 2009 zahlreiche einflussreiche Politiker gehören, weitere Munition: Sie forderten den Rücktritt des streitbaren Pharma-Kritikers. Anhänger Sawickis erklärten gleichzeitig bezeichneten das als gezielte Ablösungskampagne. Ein pharmakritischer Institutschef und eine verbraucherorientierten Arbeit ohne Rücksicht auf Lobbyinteressen seien wohl nicht mehr gewünscht.
Er hätte gern weiter gemacht, sagt Sawicki. Nun will er wieder als Arzt arbeiten. Auch Vertreter der Krankenkassen im Vorstand des IQWIG wollten ihn halten, konnten sich aber nicht durchsetzen, heißt es. Noch vor Beginn der Verhandlung hatten Georg Baum, Geschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft und auch Stefan Kapferer, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, beides FDP-Mitglieder, offen angekündigt, gegen Sawicki zu stimmen.
In dieser Gemengelage half es wenig, dass sich Anfang des Jahres, als erste Ablösungsgerüchte bekannt wurden, mehr als sechshundert Ärzte in einer Unterschriften-Aktion für Sawicki stark machten. Nach der kompletten Veröffentlichung des Prüfberichts steht inzwischen zwar fest, dass Sawickis Dienstwagen ordnungsgemäß im Institutshaushalt ausgewiesen waren. Doch das scheint bei der Entscheidung keine Rolle mehr gespielt zu haben.
Was folgt daraus für das IQWIG? Ärztevertreter weisen darauf hin, dass Sawickis Arbeit maßgeblich für internationale Anerkennung gesorgt habe; seine Ablösung füge dem Institut schweren Schaden zu. Pharmakritiker wie Peter Schönhöfer, Mitherausgeber des arznei-telegramms, befürchten, dass mit der Ablösung des jetzigen Chefs das Kölner Haus in ein “Ja-Sager”-Institut umgewandelt und wissenschaftlich fundierte Kriterien aufgeweicht werden könnten.
Bisher beurteilten die Mitarbeiter des IQWIG Studien, die zur Zulassung eines Medikaments führten, nach den Kriterien der “evidenzbasierten Medizin”. Diese international anerkannte Richtung verlangt den gewissenhaften und vernünftigen Gebrauch der aktuell besten Ergebnisse aus der klinischen Forschung zur Beurteilung medizinischer Entscheidungen. In Köln wurden vorrangig aufwendige Studien der höchsten Qualitäts-Stufe ausgewertet, die im Fachjargon “randomisiert-kontrolliert” genannt werden.
Diese Herangehensweise war der Pharmaindustrie von Beginn an ein Dorn im Auge. Auch von Medizinern wird sie in manchen Fällen als zu eng beurteilt, weil andere Aspekte, wie beispielsweise die Alltagserfahrungen von Patienten, weniger zur Urteilsfindung beitragen.
“Eine Lockerung der Regeln soll es nicht geben”, sagt jetzt Gesundheitsstaatssekretär Stefan Kapferer. Nur die Transparenz des Verfahrens solle immer wieder überprüft werden. “Natürlich soll die evidenzbasierte Medizin weiterhin Richtlinie am IQWIG bleiben”, bestätigt Rolf Koschorrek, einer der CDU-Abgeordneten, die die Neuausrichtung des Instituts gefordert hatten. Nur soll in Zukunft alles schneller gehen, internationale Studien müssten in die Beurteilung einfließen.
Mit der Berücksichtung “internationaler Studien” wäre eine Forderung der Pharmaindustrie erfüllt, endlich Studien unter Alltagsbedingungen zu akzeptieren. Doch das können dann auch Untersuchungen sein, die weniger strengen Kriterien folgen, etwa durch die Pharmaindustrie beauftragte und beeinflusste Anwendungsbeobachtungen von Ärzten, die dafür honoriert werden.

Um die Qualität ihrer Arbeit fürchten denn wohl auch die Mitarbeiter des IQWIG, die in einem Schreiben im Dezember an den Vorstand vorausblickend darum baten, weiterhin für einen hohen wissenschaftlichen Standard und Unabhängigkeit einzutreten. Die gesamte Ausrichtung des Instituts habe unabdingbar zur Folge, dass es zu Konflikten mit Interessenvertretern des Gesundheitswesens komme. Es sei auch dazu gegründet worden, solche Konflikte auszuhalten. In dem Schreiben betonen die Institutsangehörigen, dass Peter Sawicki genau das verkörpert habe.

One Comment

  1. admin says:

    Wer wird auf Sawicki folgen? Vor der Landtagswahl in NRW wird sich wohl kein Politiker trauen, Namen zu nennen! Oder: KVB oder GKV nennen ihre Favouriten und schauen mal, was passiert….

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