(UPDATE) Vor dem Gesundheitsgipfel: Erst Evita, dann das IQWIG?

Vor dem mit Spannung erwarteten Gesundheitsgipfel, der morgen im BMG stattfindet, lässt es sich kaum ein Verband und keine politische Gruppierung nehmen, Philipp Rösler die besten Wünsche und Empfehlungen zur künftigen Preisbildung bei Arzneimitteln mit auf den Weg zu geben (siehe unten).

Das wundert nicht, sind die Arzneimittel – nach den Kliniken – der höchste Ausgabeposten im deutschen Gesundheitssystem. Mit zuletzt fast 28 Mrd. Euro kosten Medikamente mehr als alle niedergelassenen Ärzte im Land. Für dieses Jahr ist ein weiterer Anstieg um 6,6 Prozent vorausgesagt.

In großen Teilen gehen die Vorschläge auseinander – die einen wollen die Rabattverträge abschaffen, die anderen ausbauen; die einen sind für mehr Freiheit der Ärzte, die anderen wollen lieber die Apotheker entlasten – aber irgendwie sprechen auch alle von der Kosten-Nutzen-Analyse, die soll besser werden und schneller werden.

Wie das gehen soll, sagt niemand so explizit. Wenn etwa der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA) dabei eine “Ausrichtung nach internationalen Standards” befürwortet, würde dies den Einschluss auch solcher Studien bedeuten, die den bisher gewünschten Qualitätskriterien nicht unbedingt entsprechen. Will man das?

Wenn “Krankenkassen-Kreise” – tolle Formulierung übrigens – in der Ärzte Zeitung erklären, sie wollen eine schnelle Kosten-Nutzen-Bewertung, meinen sie wohl an Evita. Das ist ein Projekt des HTA-Zentrums Bremen in Kooperation mit der NEPI-Foundation der Lund-Universität Malmö in Schweden und wird gefördert durch den GKV-Spitzenverband. Als erstes Instrument dieser Art in Deutschland könnte Evita schon sehr früh klären, ob die Bezeichnung „Innovation“ für ein neues Mittel berechtigt oder nur ein Marketingversprechen ist. Denn anders als das IQWiG, das bereits zugelassene Mittel auf der Basis vieler Studien bewertet, setzt Evita schon vor der Zulassung an. Genau das ist natürlich auch ein Nachteil, können eben nur erste Untersuchungen berücksichtigen werden. Dadurch ist Evita – was Langzeiteffekte betrifft – wenig aussagekräftig.

Dennoch wird Evita als möglicher Signalgeber an die Pharmaindustrie gehandelt, nach dem Motto: “Hallo, ab sofort wird auch bei den neuen Arzneimitteln genauer auf dem Preis geguckt!”

Bleibt abzuwarten, was morgen aus der Fülle der Vorschläge übrig bleibt…

Zum Nachlesen: Die einzelnen Positionen…

“Vertreter der Krankenkassen” fordern (jedenfalls laut Ärzte Zeitung):

– eine schnelle, vorläufige Kosten-Nutzen-Bewertung neuer Arzneimittel. Wird ein Nutzen festgestellt, dürfen die Hersteller die “Preise mit Einschränkung” / Blick auf Preise im Ausland festsetzen, sonst gilt: Blick auf vorhandene Präparate.

Pro Generika fordert:

– Ärzte weitestgehend von der Verantwortung und Haftung für die Wirtschaftlichkeit ihrer Arzneiverordnungen freistellen. Regresse sollten gegen Ärzte nur ausgesprochen werden, wenn sie dabei gegen das Effizienzgebot verstoßen.

– Erhalt der Aut-idem-Regelung: Ärzte sollen über die Indikationstellung, den Wirkstoff und die Verordnung rationaler Mengen und Dosierungen bestimmen, die Auswahl des konkreten Arzneimittels bleibt aber dem Apotheker überlassen.

– Ärzte sollen Negativlisten, Arzneimittelrichtlinien, evidenzbasierte Behandlungsleitlinien, DMP und Empfehlungen der medizinischen Fachgesellschaften beachten.

– Rabattverträge bei Generika abschaffen.

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA) sagt:

Wir wollen sowohl eine transparente Kosten-Nutzen-Bewertung nach internationalen Standards als auch den Ausbau des Vertragsgeschehens zwischen Herstellern patentgeschützter Arzneimittel und den Krankenkassen befördern.”

Die CSU fordert (durch Minister für Gesundheit und Umwelt Markus Söder):

– Die Krankenkassen sollen die Einsparmöglichkeiten im Bereich der Medikamente konsequent ausnutzen. Dazu sollen auch die Vielzahl der gesetzlichen Steuerungselemente vereinfacht und effizienter ausgestaltet werden. Die Versicherten sollen stärker als bislang in die Wahl ihrer Versicherungsleistungen eingebunden werden. Auf der Ausgabenseite sollen an die Stelle von staatlicher Budge- tierung und Rationierung Transparenz, hohe Qualitätsstandards und Wettbewerb treten.

. Das Grundsatzpapier gibt es hier.

Der Koalitionsvertrag besagt:

– die Vielzahl der Regelungen zur Preisbildung sortieren (unter patienten- und mittelstandsfreundlichen Kriterien)

– Vereinvarungen zwischen Krankenkassen und Pharmaherstellern ermöglichen

– eine praktikable, schnelle Kosten-Nutzen-Bewertung einführen.

Die LINKE fordert:

Pünktlich zum nahenden Gipfel kommt heute noch eine “Kleine Anfrage” der Linken auf den Tisch. Mit dem Fragenkatalog “Nationale und internationale Regelungen zur Arzneimittelpreisbildung” will die Partei den Blick der Bundesregierung auf den Umgang mit dem Thema in anderen Ländern lenken, erklärt die stellvertretende Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, Kathrin Vogler. Konkret fordert die Linke:

– die Einführung einer Positivliste

– die frühzeitige Kosten-Nutzen-Bewertung von Arzneimitteln, vor allem neuer Produkte und damit verbunden: zentrale Preisverhandlungen.

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