Im Westen nichts Neues? Teppichhändler auf dem Pharma-Bazar

Nicht selten sind die Pausen auf einem Kongress aufschlussreicher als das, was in den eigentlich im Mittelpunkt stehenden Vorträgen und Diskussionen referiert wird. Das zu bemängeln gehört einfach zum guten Ton – wie scheinbar derzeit auch die Ankündigung vieler Gesundheitspolitiker, der Pharma-Lobby endlich den Kampf anzusagen. mit Zwangsrabatten, Preis-Moratorien – und, wenn gar nichts mehr hilft: Droht man eben mit dem IQWIG. Es sei eine “historische Chance”, hört man dann, bevor die Herren das große Wort dann doch schnell wieder zurück nehmen. Nein, so weit will man dann noch nicht gehen.

Egal ob als Referent oder ganz “privat” in der Pause: Gestern, am Tag 1 auf dem “Gesundheitskongress des Westens” in der Essener Philharmonie, überboten sich die Anwesenden in “bahnbrechenden” Plänen, tiefere Arzneimittel-Preise per Gesetz zu erzwingen.  Das schöne daran: Egal welche Partei, alle präsentieren stolz ihre Idee. Erst käme die “schnelle” Maßnahmen – um direkt Kosten zu sparen, dann würde die große Struktur-Reform folgen. Deregulierung. Weg mit den 23 verschiedenen Steuerungsinstrumenten des Arzneimittel-Markts!

Staatssekretär Daniel Bahr (FDP) wiederholte also artig, was sein Minister schon der BILD erzählt hatte: “Es wird eine Bewährungszeit für neue Medikamente geben”, so der FDPler, sollten sich Kassen und Pharmakonzern nicht innerhalb eines Jahres auf einen vernünftigen Preis einigen, drohe den Herstellern Sanktionen.

Was er nicht sagt:

– Pharmafirmen haben nach diesem Modell weiterhin freien Zugang zum Markt, können mit ihrem gewünschten Preis einsteigen

– sie haben ein Jahr Zeit, zu verhandeln. Das lässt viel Raum für “Hause-und Igel”-Spiele. Ob sich dabei gerade kleinere Krankenkassen als gleichwertige Verhandlungspartner eines weltweit agierenden Pharmakonzerns erweisen, darf bezweifelt werden.

– Nicht wenige erwarten, dass die Konzerne die zu erwartenden Abschläge zuvor aufschlagen. “Das ist ähnlich wie bei Teppichhändlern. Wenn ich 100 Prozent vom Preis haben will, schlage ich 20 Prozent drauf und lasse mir die 20 Prozent wieder abhandeln”, erklärte etwa Karl Lauterbach, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD.

– Besonders haarig ist, dass die Pharmakonzerne in zusätzlichen Dossirs belegen sollen, dass ihr neues Medikament seinen Preis wert ist.  Die “Umkehr der Beweislast” wird von nicht wenigen Experten als Rückschritt erachtet: Hätte es doch der Hersteller selbst in der Hand, sein Arzneimittel zu positionieren, ein unabhängiger Gutachter wurde auch unliebsame Ergebnisse nicht außer Acht lassen.

Derweil freute Jens Spahn, gesundheitspolitische Sprecher der CDU, über das große Interesse an seinem “Pharma-Soli”. Der Zwangsrabatt von 6 Prozent, den Pharma-Konzerne derzeit zahlen, soll kurzfristig auf 16 Prozent erhöht werden, zugleich sollen Preiserhöhungen für die Dauer von 3 Jahre verboten werden. Also eigentlich kein neues Instrument, aber “Zwangsrabatt” klang nicht so schön, da habe er sich eben den neuen Begriff überlegt.

Sehr kreativ, der Herr Spahn. Auch er glaubt, dass seine Idee durchkommt, schließlich sei die derzeitige Konstellation in der Koalition für Änderungen ideal. Wenn er sich da mal nicht täuscht. Philipp Rösler wurde heute morgen, nach seinem sehr plakativen Auftritt (Schalte mit Deutschland-Flagge am Brandenburger Tor) im ZDF heute-journal jedenfalls schon wieder zurückgepfiffen.

Kritik kam dabei nicht nur von der Pharma-Lobby, sondern, – hintenrum sozusagen – auch aus der eigenen Partei.

Da soll noch mal einer sagen, auf Gesundheits-Kongressen sei nur das Pausen-Geplänkel interessant….

One Comment

  1. Tim says:

    Auf Gesundheitskongressen ist nichts interessant. Die ewig gleichen Gesichter, mit Vorträgen, die man irgendwie auch kennt. Der im “Westen” kostet immerhin für nicht-Presseleute 589,05 EUR inkl. Mehrwertsteuer. Der Hauptstadtkongress kostet 650 Euro im Fachkongress Krankenhaus, der “Kommunikationskongress der Gesundheitswirtschaft” ähnlich. Die FTD-Konferenz der Gesundheitswirtschaft 1071 Euro, der Kongress für Gesundheitsnetzwerker 420 Euro, der Europäische Gesundheitskongress 654 Euro, die Gesundheitspiazza 480 Euro, Gesundheitskongress “Health on Top 420 Euro, der Gesundheitswirtschaftskongress 565 Euro, usw.

    Das ist ein Riesengeschäft für die Veranstalter.

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