Lohnende Doktorspiele in den Praxisclubs, Frankfurter Allgemeine Zeitung

Arztnetzwerke lassen sich das Marketing für Firmen bezahlen: Gefährden die unkontrollierten Kooperationen die Unabhängigkeit? Sponsoring sei erlaubt, heißt es in der Branche – solange die Ärzte für ihre Empfehlungen keine Gelder erhalten – eine Grauzone.

„Die Zeit der unverbindlichen Vereine ist vorbei. Ärztenetze verfügen heute über eng definierte Strukturen, agieren professionell und nach wirtschaftlichen Kriterien“, sagt Volker Amelung, ein Gesundheitssystemforscher der Medizinischen Hochschule Hannover. Ein immer komplexer werdendes Gesundheitssystem sei Motor neuer Entwicklungen. „Das klassische Modell der nicht vernetzten Einzelpraxis ist tot“, so Amelung.

Praxisnetze, ob regional oder nach medizinischen Fachgebieten ausgerichtet, sind nicht nur bei Krankenkassen beliebt, die natürlich lieber gleich mit dem Vorstand eines ganzen Verbands verhandeln und Verträge – etwa zur Integrierten Versorgung – abschließen, statt mit zahlreichen Ärzten einzeln in Kontakt treten zu müssen. Auch Pharmahersteller sind längst dahinter gekommen, dass sich auf diesem Weg schnell und bequem Werbung für die eigenen Produkte machen lässt. Statt seine Pharmavertreter zu jedem einzelnen Arzt zu schicken, spannen sie die Netzwerke ein. Sie bieten den Verbünden sogenannte Kooperationsverträge an. Wer mitmacht, übernimmt freiwillig das Marketing für den Hersteller, die Produkte bekommen so ganz nebenbei die Legitimation „Von Kollegen empfohlen“. Dafür gibt es Bargeld in die Netzwerkkasse.

„Das machen heute doch alle“

Der Generikahersteller TAD beispielsweise bietet den Ärztenetzwerken fünfhundert Euro, wenn ein „gut sichtbarer Banner“ der Pharmafirma auf der öffentlichen Internetpräsenz des Verbunds erscheint. Die gleiche Summe gibt es, wenn TAD in Info-Briefen oder auf den Netzwerktreffen „mit einem Stand“ für seine Produkte werben darf. Für die Bereitstellung einer aktuellen Liste der Mitglieder zahlt TAD hundert Euro. Was sich TAD davon verspricht, bleibt unklar. Pharmazeutische Unternehmen seien ein natürlicher Partner von Ärzten, die von den Erfahrungen der Ärzte lernen und umgekehrt auch bemüht seien, Ärzte immer auf dem neusten Wissenstand zu halten, erklärt TAD-Geschäftsführer Jure Kapetan hierzu schriftlich. Eine langfristige Kontaktpflege zu Ärzten in diesem Sinne hält er für legitim, „da die Therapiefreiheit des Arztes auf keinen Fall eingeschränkt wird, sondern nur der Zugang zu nützlichen Informationen erleichtert wird.“

Auch der Generikahersteller Heumann setzt auf Marketing via Ärztenetz. „Das machen heute doch alle“, sagt Timm Jürgensen, Geschäftsführer des Nürnberger Unternehmens. Es gehe dabei ja auch nicht um große Summen. 90 Prozent des Umsatzes mache Heumann mit den Krankenkassen, die restlichen 10 Umsatzprozente teilen sich zwischen freiverkäuflichen Arzneimitteln und Arztnetzwerken auf. Das Ganze sei mehr als eine langfristig angelegte Kontaktpflege zu sehen.

Pharmahersteller „idealer Partner“

Auch wenn keine hohen Beträge gezahlt werden und ein Arzt-Netzwerk – ob als Verein, GmbH oder Genossenschaft – zwischen dem Arzt und dem Pharmahersteller steht – die Wahrung der ärztlichen Unabhängigkeit sei in Gefahr, sagt Eckhard Schreiber-Weber von der Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte, kurz „Mezis“ (Mein Essen zahl ich selbst). Schreiber-Weber: „Die neue Art der Geldbeschaffung hat mich überrascht.“ Praxisnetze bemühten sich aktiv um eine Finanzierung durch die Pharmaindustrie. „Wie kritisch werden die Kollegen gegenüber den massiven Beeinflussungsversuchen der Industrie sein?“ Timm Jürgensen von Heumann kann nichts Schlimmes daran finden: Die Ärzte-Netzbetreuung sei ein Ersatz für den herkömmlichen „wissenschaftlichen“ Pharma-Außendienst, der heute für die Generika-Industrie unbezahlbar geworden ist. „Weder die Arbeit des Pharma-Außendienstes, noch die Zusammenarbeit mit den Ärzten auf Netzebene bietet einen Ansatz für solche Vorwürfe.“ Wie genau die Verträge aussehen, die Heumann mit den Arztnetzwerken schließt, möchte Jürgensen dann dennoch nicht genauer erklären. Das erledige ein Dienstleister. Mit Heumann kooperiert hat der Landesverband der Praxisnetze Westfalen-Lippe (LPWL). Im Herbst 2008 bekamen die Mitglieder erstmals ein Fax von Heumann. Ungefragt und auf dem Briefpapier des Praxisnetzes warb der „neue Partner“ denn auch gleich für seine Medikamente. „Wir übernehmen teilweise das Marketing für die Präparate von Heumann“, erklärt Heinrich Miks, Geschäftsführer des Arztnetzes, seinen Mitgliedern in einem weiteren Brief. Der Pharmahersteller sei ein „idealer Partner“. Die Einnahmen, die darüber erwirtschaftet werden, fänden überwiegend für den Auf- und Ausbau des Verbands Verwendung. „Dieser Vertrag kommt ganz eindeutig der Netzarbeit zugute, ich bitte Sie deshalb um Unterstützung.“

Im März 2009 erhielten die Ärzte im LPWL-Verband nochmal Post. Der Verband sei im Wandel, hieß es, so habe man sich mit den Praxisnetzen in Nordrhein zusammengeschlossen, um unter anderem die Mitgliedsbeiträge zu verringern. „Dies könnte durch die Nutzung unserer Pharmaverträge gelingen“, so Miks. Auch im weiteren bemühte sich das Netzwerk aktiv um die Pharmaindustrie.

Beeinflussung durch die Industrie

Während der LPWL-Vorstand nichts Anrüchiges an derartigen Kooperationen erkennen kann – und auf Rückfrage sogar bedauert, dass die Zusammenarbeit mit Heumann mittlerweile mangels Interesse der eigenen Mitglieder eingestellt wurde, sind andere Arzt-Verbände da weit weniger zugänglich. Hans-Jürgen Beckmann, Gründungsmitglied des erfolgreichen Netzwerks „Medizin und Mehr“ (MuM) in Bünde sagt, man habe Kooperationen mit Pharmaherstellern immer abgelehnt – zu nah verlaufe die Grenze der Beeinflussung durch die Industrie. Dabei ist MuM generell offen für Neues: So arbeitet der Verband mit verschiedenen Krankenkassen zusammen, entwickelt eigene Behandlungskonzepte und betreibt ein Krankengymnastik-Studio. „Das Marketing für einen Pharmahersteller zu übernehmen widerspricht der ärztlichen Berufsordnung“, ist Beckmann überzeugt.

Bei der Bundesärztekammer ist zu diesen Fragen nur schwer eine Stellungnahme zu erhalten. Nach mehrfachen Rückfragen heißt es nur, man müsse immer den Einzelfall betrachten. Ärzte seien laut Berufsordnung dazu verpflichtet, ihre Unabhängigkeit bei der Zusammenarbeit mit Dritten zu wahren. Solange ein Mediziner aber nicht gleichzeitig Mitgesellschafter des „arztnahen“ Dienstleistungsunternehmens sei oder in sonstiger Weise auf die Geschäfte des Unternehmens Einfluss nehme und an dessen Ergebnissen beteiligt sei“, gäbe es rechtlich kein Problem. Sonst liege natürlich ein Verstoß gegen die Berufsordnung vor, die es Ärzten nicht nur verbietet, selbst eine Vergütung für Verordnungen anzunehmen, sondern es genauso untersagt, Zuwendungen gegenüber Dritten zu fordern oder sich versprechen zu lassen.

Sponsoring erlaubt – solange die Ärzte keine Gelder erhalten

Aber wer kontrolliert die Kooperationen? Zwar müssen die Arztnetzwerke die Verträge den Landesärztekammern vorlegen – eine Vorlagepflicht. Genehmigen lassen müssen sich die Netzwerke die Verträge nicht, erklärt Alexander Ehlers, Medizinjurist aus München. Eine Rückfrage unter den Ärztekammern zeigt zudem, dass die betreffende Formulierung der Berufsordnung unterschiedlich interpretiert wird. Manche der Landeskammern verweisen direkt an die Bundesärztekammer, andere halten die Kooperation für grundsätzlich erlaubt. Wieder andere berichten, dass nur die einzelnen Bezirksärztekammern Bescheid wissen könnten, in Baden-Württemberg sind das beispielsweise vier. Wie viele Verträge zwischen Arztnetzwerken und Pharmaherstellern es mittlerweile gibt, bleibt unklar. Sponsoring sei erlaubt, heißt es ansonsten in der Branche – solange die Ärzte für ihre Empfehlungen keine Gelder erhalten oder die Bezahlung „gering“ ist – eine Grauzone?

„Es gibt keine Grauzone“, findet Ehlers. Auch wenn die Kooperationen heutzutage vielfältig seien – schließlich wolle der Gesetzgeber mehr Wettbewerb im Gesundheitssystem -, gelte es klare Regeln zu beachten. „Die Freiheit der Therapieentscheidung darf nicht durch finanzielle Interessen tangiert werden.“ Christoph Meyer, Geschäftsführer von Q-Pharm, kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Er steht einem Pharmahersteller vor, der selbst von Mitgliedern der Ärztegenossenschaft Schleswig-Holstein gegründet wurde. Zunächst, um etwas „gegen den Preisdschungel im Arzneimittelgeschäft“ zu unternehmen. Heute ist Q-Pharm eine erfolgreiche, wenn auch kleine Firma, die mit ihrem Angebot den wesentlichen Teil des deutschen Arzneimittelmarkts abdeckt – und auch mit Ärztenetzwerken kooperiert. Solange der Arzt frei in seiner Entscheidung bleibe und die Gelder für die Strukturarbeit des Netzwerks einsetze, sei daran nichts Schändliches zu entdecken. Meyer: „Alle, die das anders sehen, sind Pharisäer.

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