HCV: Das könnte die Heilung sein, Die Zeit 07/11

»Eigentlich hatte ich nur Pech, und das gleich doppelt«, sagt Gerhard Prött. Vor 30 Jahren, an einem ganz normalen Sommerabend, es war schon dunkel, übersah er auf dem Heimweg eine Baustelle. Auf dem Rollsplitt geriet sein Fahrrad ins Rutschen, Prött stürzte einen Hang hinunter. Der Lenker des Rads rammte sich in seinen Unterleib. Der heute 72-Jährige erinnert sich noch genau: »Innerlich ist alles explodiert.« Schwere innere Verletzungen, beinahe wäre er daran gestorben.

Im Krankenhaus, während der Notoperation, geschieht das zweite Unglück: Über eine verseuchte Blutkonserve wird er mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) infiziert. Als – viel später – Ärzte die Infektion feststellten, hatte sich dieser gefürchtete Erreger bereits in seinem Körper eingenistet. Mit der, wie er sie nennt, »unheimlichen Gefahr« in seinem Körper musste der Landwirt aus Lemgo fast 30 Jahre lang leben. Heute ist er einer der Ersten, die durch einen Wirkstoff neuer Art gesund wurden.

Die Leberentzündung macht sich oft erst nach vielen Jahren bemerkbar

Hoffnung auf Heilung können nun auch viele von Prölls Leidensgenossen hegen. Es gibt sie scharenweise: In den Lebern von mindestens einer halben Million Bundesbürgern hat das Virus sich festgesetzt. Weltweit hat der Erreger dreimal mehr Menschen befallen als das Aidsvirus HIV. Hepatitis C ist eine der verbreitetsten Infektionskrankheiten überhaupt und überaus tückisch. Lange halfen die Mittel der Medizin nur einer Minderheit. Nun aber sei bei der Bekämpfung der Leberinfektion eine »neue Ära« angebrochen, versprechen selbst vorsichtige Mediziner.

Nach der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA haben Ende Juli auch die Aufseher der European Medicines Agency (EMA) dem Medikament Boceprevir die Zulassung erteilt. Das Konkurrenzpräparat Telaprevir soll im September auf den deutschen Markt kommen. Beide Medikamente wirken nach demselben Prinzip.

Hepatitis C gilt als stille Seuche. Vermutlich sind tatsächlich erheblich mehr Menschen infiziert, als die Statistik ausweist. Denn der Erreger verursacht zunächst oft keine Beschwerden. Viele Infizierte ahnen daher nichts Böses und leben, nach anfänglichen Grippegefühlen, völlig beschwerdefrei mit dem Virus.

Etwa bei der Hälfte der Neuinfizierten – man rechnet in Deutschland mit 1.000 bis 2.000 im Jahr – kann die Immunverteidigung den Erreger nicht eliminieren; so muss es auch bei Gerhard Prött gewesen sein: Einmal in den menschlichen Körper eingedrungen, gelangt HCV mit dem Blutkreislauf in die Leber, ein idealer Ort, wird das Organ doch binnen einer Minute von fast einem Drittel der Blutmenge durchströmt. Dort zeigen sich, Jahrzehnte später, bei chronisch Infizierten die Folgeschäden. Schätzungsweise 20 bis 40 Prozent von ihnen erleiden eine Leberzirrhose, in den schlimmsten Fällen entsteht Krebs. Längst ist Hepatitis C die häufigste Ursache für eine Lebertransplantation.

Angesichts dieser Tragweite überrascht, wie viele Fragen ungeklärt sind: Warum verursacht das Virus so oft chronische Erkrankungen? Warum befällt es ausgerechnet die Leber? Und warum die Immunsysteme mancher Menschen den Erreger vertreiben können und die anderer Menschen nicht, ist ebenso rätselhaft wie die Tatsache, dass bei rund 15 Prozent der Infizierten unklar bleibt, wie sie sich überhaupt angesteckt haben. »Übertragen wird das Virus nur da, wo Haut verletzt ist und Blut fließt«, sagt Heiner Wedemeyer, Gastroenterologe der Medizinischen Hochschule in Hannover.

Hierzulande seien vor allem Drogensüchtige gefährdet, die Heroin spritzen oder Aspirationsröhrchen nutzten und diese Gerätschaften mit anderen teilten. Was viele nicht wissen – und besonders vor einem Urlaub bedenken sollten: Auch die Verwendung verunreinigter Instrumente für Tattoos und Piercings ist riskant. Von ambulanter Tätowierung an ägyptischen Stränden oder in marokkanischen Urlaubsdomizilen ist dringend abzuraten. Eine sexuelle Ansteckung ist nach Einschätzung des Robert Koch-Instituts möglich, wenngleich unwahrscheinlich. Heute sind Transfusionen zu 99 Prozent als Gefahrenquellen ausgeschlossen – in verseuchten Blutkonserven kann der Erreger seit den neunziger Jahren durch Tests festgestellt werden.

Da war Gerhard Prött bereits lange infiziert. Zweimal, 1992 und 2001, hatte er nach seiner Diagnose vergeblich versucht, mithilfe der konventionellen Therapie gesund zu werden. Bislang setzen Ärzte ein Wirkstoffduo ein: Interferon wird einmal wöchentlich unter die Haut gespritzt, um die Immunantwort des Körpers zu verstärken. Zweimal täglich müssen die Patienten dazu den Polymerasehemmer Ribavirin schlucken, der die Vermehrung der Viren unterbindet. Die Behandlung hat unangenehme Nebenwirkungen – Fieber, Schüttelfrost, auch das Blutbild kann sich verändern – und dauert bis zu 72 Wochen. Wirksam ist die Therapie bei Patienten mit der bei Weitem häufigsten Variante des Virus nur in zwei von fünf Fällen. Für die anderen konnten die Ärzte bislang nichts tun. Wie Gerhard Prött blieben sie chronisch krank.

Prött arrangierte sich mit seiner Infektion, blendete aus, dass er irgendwann einmal schwer krank werden könnte. Als er dann aber im vergangenen Jahr von der internationalen Medikamentenstudie für Boceprevir hörte, an der auch der Hannoveraner Heiner Wedemeyer beteiligt war, meldete er sich sofort an. »Ich wollte kämpfen«, sagt er. Beinahe wäre er abgelehnt worden, zu alt. Aber Prött hatte sich fit gehalten, wegen der Krankheit nicht geraucht und keinen Alkohol getrunken, um das befallene Organ zu schonen. Das zahlte sich nun aus.

Wieder erhielt er die bereits gewohnte Standardtherapie, 48 Wochen lang, aber dazu morgens, mittags, abends je eine Kapsel des neuen Präparats. Zwar brachte es ihm am Ende die Heilung, aber Prött kämpfte auch mit erheblichen Nebenwirkungen: Zu den altbekannten kamen Gliederschmerzen sowie eine von ihm nie gekannte Aggression. Außerdem verdarb ihm ein bleierner Geschmack im Mund jeglichen Appetit – eine typische Folge der neuen Wirkstoffe. Dabei musste er doch mit jeder Mahlzeit mindestens 20 Gramm Fett aufnehmen. »Ich habe Zwangsessen praktiziert«, sagt Prött. Lohn der Quälerei: Nach fast 30 Jahren ist er geheilt. Jetzt berät er andere Hepatitis-Patienten.

Dieser Erfolg lässt sich verallgemeinern, das zeigen mehrere große Studien, die im März und Juni dieses Jahres im Fachmagazin New England Journal of Medicine veröffentlicht wurden. Die Autoren berichten, statistisch gesehen, lasse sich die Heilungsrate durch den zusätzlichen Einsatz der neuen Wirkstoffe fast verdoppeln: Bei 75 Prozent aller zuvor unbehandelten Patienten verschwand die Infektion, in Fällen wie dem von Gerhard Prött immerhin bei zwei Dritteln. Die Therapiedauer konnte von einem Jahr auf sechs Monate oder weniger gesenkt werden. »Endlich ein Fortschritt für die Patienten«, sieht Winfried Kern, Infektiologe an der Uniklinik Freiburg. Sicher sei aber, dass es bei diesen Medikamenten nicht bleiben wird. »Sie sind die ersten einer neuen Art der Behandlung, weitere Entwicklungen müssen und werden folgen.«

Bei 75 Prozent verschwindet das Virus – starke Nebenwirkungen sind der Preis

Die neuen Pillen enthalten Proteasehemmer, die sehr gezielt bestimmte Enzyme des Virus blockieren. Daher spricht man von Direct Acting Antivirals (DAA). Sie nutzen eine Strategie, die schon in der Behandlung des HI-Virus Erfolg zeigte: die Vermehrung des Virus gezielt zu unterbrechen. Lehren aus dem Kampf gegen Aids, das zeigen die neuen Medikamente, lassen sich auch bei anderen Krankheiten anwenden.

Bis 2015 wird die Zulassung von gut einem Dutzend weiterer DAA-Präparate erwartet, die den Prozess der Virusvermehrung an unterschiedlichen Stellen zugleich stoppen sollen. Damit ließe sich vielleicht auch der größte Schwachpunkt der neuen Medikamente ausmerzen: dass sie nur als Dreierkombination mit den althergebrachten Mitteln taugen. Das bleibe einstweilen ein Problem, so der Gastroenterologe Michael Manns von der Medizinischen Hochschule Hannover. Das Ziel ist indes eine Therapie, in der Interferon überflüssig ist – das für die schlimmsten Nebenwirkungen verantwortlich gemacht wird.

In den nächsten paar Jahren müssen Patienten noch alle Unbill der Dreiertherapie in Kauf nehmen. Für die Krankenkassen aber dürfte sich diese rechnen: Bislang kostete die Standardbehandlung eines Hepatitis-C-Patienten rund 25.000 Euro, dazu käme künftig der Preis für eines der beiden neuen Medikamente – die Kosten einer 28-Tage-Therapie werden mit rund 4.000 Euro angegeben.

Künftig könnten dann teure Krebstherapien ebenso vermieden werden wie Transplantationen. Fast 1.200 Lebern wurden 2010 in Deutschland verpflanzt. Deutlich mehr Patienten stehen noch auf der Warteliste für ein Transplantat. Jede vierte Spenderleber bekam ein Hepatitis-C-Patient.

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