Lebenskraft, hier energisch konzentriert

Was Gesundheit für den Einzelnen bedeutet (und kosten darf) – eine Frage, über die wir in diesen Tagen zunehmend nachdenken, auch auf diesem Blog. Oder anders herum: Gehört die Bezeichnung “Krankheit” abgeschafft, weil längst ein überholtes Konstrukt? Welche Menschen soll man als krank bezeichnen? Welche Konsequenzen hat diese Zuschreibung? Und schon rückt das Thema der Selbstverantwortung ins Blickfeld…

Überlegungen aus der italienischen Sommerfrische, mit vielem Dank für eine sehr interessante Tagung an die ASM, und, für das nachfolgende Exempel, an Urban Wiesing, Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Uni Tübingen.

Das Zahnweh, subjektiv genommen,
ist ohne Zweifel unwillkommen;
doch hat’s die gute Eigenschaft,
daß sich dabei die Lebenskraft,
die man nach außen oft verschwendet,
auf einen Punkt nach innen wendet
und hier energisch konzentriert.
Kaum wird der erste Stich verspürt,
kaum fühlt man das bekannte Bohren,
das Zucken, Rucken und Rumoren,
und aus ist’s mit der Weltgeschichte,
vergessen sind die Kursberichte,
die Steuern und das Einmaleins,
kurz, jede Form gewohnten Seins,
die sonst real erscheint und wichtig,
wird plötzlich wesenlos und nichtig.
Ja, selbst die alte Liebe rostet,
man weiß nicht, was die Butter kostet,
denn einzig in der engen Höhle
des Backenzahnes weilt die Seele,
und unter Toben und Gesaus
reift der Entschluß: Er muß heraus!

Wilhelm Busch, aus Baltin Bählamm – der verhinderte Dichter, 1883

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