Zweitmeinungs-Portal: Vorsicht Diagnose?

Es hätte alles so schön werden können für die Initiatoren des Online-Zweitmeinungsportals “Vorsicht Operation!” Zum Start der Internetseite gab es praktischerweise die passende Titelgeschichte im Spiegel. Beklagt wurden ausführlich die unzähligen überflüssigen Operationen, die in Deutschland durchgeführt werden (Knie, Rücken). Gepriesen wurden die Mediziner, die ab sofort “sanfte Wege” einschlagen wollen. Und damit  pro Zweitmeinung bis zu 600 Euro zusätzlich verdienen – das erfährt der Spiegel-Leser allerdings erst auf den hinteren Seiten der Geschichte.

Lakonische Zweite Weisheiten

Mittlerweile haben eigentlich alle Berufsverbände in Deutschland Kritik an den rührigen Chirurgen geübt. Jetzt zeigte der Virchow Bund die teilnehmenden Mediziner bei den Landesärztekammern an. Und schon sucht ein erster Hauptverantwortlicher das Weite: Laut Dresdner Neuen Nachrichten hat sich mit dem Direktor der Unfall- und Wiederherstellungschirurgie des Uniklinikums Dresden, Professor Hans Zwipp, einer der Initiatoren, bereits wieder aus dem Portal zurückgezogen.

Die Diskussionen um die Seriosität der Online-Plattform nannte seine Sprecherin als Grund für den Rückzieher, schreibt die Ärztezeitung. Weder vom Portalbetreiber noch aus der Dresdner Klinik war dazu eine Stellungnahme zu bekommen. Ob nun auch die anderen Pioniere zögern? In der Liste, die jeden der versierten Experten nennt, steht jedenfalls statt “Gutachten anfordern” noch “Dieser Experte ist demnächst verfügbar”.

Schon in der vergangenen Woche hatte der Virchow-Bund vor “Diagnosen aus dem Schaukelstuhl” gewarnt. Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Ärzte-Verbands:

Unserer Auffassung nach bestehen ernsthafte rechtliche Bedenken, dass das Portal den Vorgaben der Berufs- und Gebührenordnung entspricht. Diagnose und Beratung, wie sie den Patienten hier über das Internet angeboten werden, sind nach dem Berufsrecht nicht zulässig. Die Kosten von bis zu 600 Euro sind zudem nicht mit der ärztlichen Gebührenordnung vereinbar. Daher rufen wir die zuständigen Aufsichtsbehörden zur Klärung des Falles auf.

Besonders kritisch seien die völlig ungeklärten Fragen der Haftung und Datensicherheit, betont Dr. Heinrich:

Unabhängig davon, dass man das Angebot unappetitlich finden kann, muss der Schutz der Patienten gewahrt werden. Hier sind die jeweiligen Kammern in der Pflicht.

Konkret betroffen sind die Kammern in Bayern, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Sachsen, Berlin und Nordrhein.

Der Virchow-Bund ist mit seiner Kritik nicht allein. “Wir operieren Menschen und nicht Röntgenbilder”, erklärte etwa der Präsident des Berufsverbandes Deutscher Chirurgen (BDC), Professor Hans-Peter Bruch.

In Deutschland habe jeder Patient das Recht auf freie Arztwahl und könne sich jederzeit eine zweite Meinung einholen, sagt Andreas Gassen, Vizepräsident des Berufsverbands der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU). Die anfallenden Gebühren von 200 bis 600 Euro seien zu hoch. Er als Orthopäde könne bei Privatpatienten gerade mal 21 Euro für eine Untersuchung mit Beratung abrechnen. Bei gesetzlich Versicherten sei das Honorar noch geringer.

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