Arzneimittel: Es geht doch billiger, Die ZEIT, 09/11

Erstmals sinken die Ausgaben für Arzneimittel, die Pharmabranche ist alarmiert.

Eine »Positiv-Liste«, die notwendige Medikamente von überteuerten trennte, endete 1992 noch im Schredder eines einflussreichen Pharmalobbyisten. Ein Preisabschlag auf innovative Medikamente wurde 2004 nach einer illustren Rotweinrunde im Kanzleramt eingestampft. Immer wieder ist es den Pharmakonzernen gelungen, Gesundheitsreformen weitgehend unbeschadet zu überstehen – und ebenso regelmäßig stiegen Umsätze und Gewinne der Pillenbranche.

Seit zum Jahresanfang das Gesetz zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes (Amnog) in Kraft getreten ist, gerät diePharmabranche zunehmend in Aufruhr. Statt die Preise für ihre neuen patentgeschützten Arzneimittel wie bisher selbst festsetzen zu können, müssen sie ihre Innovationen mit Eintritt in den Markt auf ihren Zusatznutzen prüfen lassen. Dafür müssen sie beim deutschen Arzneimittel-TÜV, dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), ein Dossier vorlegen. Aus den Unterlagen muss der Vorteil des neuen Mittels im Vergleich zu einer »zweckmäßigen Therapie« klar hervorgehen. »Nur wenn ein Zusatznutzen belegt werden kann, darf ein Höchstpreis verlangt werden«, beschrieb Philipp Rösler (FDP), seinerzeit noch in seiner Rolle als Gesundheitsminister, den Plan, mit dem zwei Milliarden Euro Arzneimittelausgaben eingespart werden sollen. Wird kein Zusatznutzen festgestellt, landet die vermeintlich innovative Pille in einer unteren Preisklasse: Sie wird in einer Festbetragsgruppe eingestuft, oder der Hersteller muss mit den Krankenkassen über den Preis verhandeln. Für die Pharmamultis kommt dies der Vertreibung aus dem Paradies gleich.

Selbst Experten wundern sich ein wenig, dass das neue Arzneimittelgesetzwirkt. Erstmals seit vielen Jahren ist es gelungen, die Ausgaben für Arzneimittel zu senken. So haben die gesetzlichen Kassen im ersten Halbjahr dieses Jahres 16,1 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgegeben. Das sind fünf Prozent weniger als im Vorjahr. Die Trendwende hat mindestens zwei Gründe. Da ist zum einen der von 6 auf 16 Prozent erhöhte Preisabschlag, den die Hersteller für ihre Arzneimittel hinnehmen müssen. Zum anderen zeigt auch die neu eingeführte Kosten-Nutzen-Bewertung Wirkung – und das schon bevor sie richtig in der Praxis umgesetzt wurde.

Unter der Nummer A11-02 wird kommenden Dienstag das erste Gutachten des IQWiG an den Gemeinsamen Bundesausschuss übergeben. Bewertet wurde das Medikament Ticagrelor des britisch-schwedischen Herstellers AstraZeneca. Das Mittel wird bei akuten Durchblutungsstörungen des Herzmuskels eingesetzt. Welches Ergebnis das Gutachten aus Köln bringen wird, ist noch streng vertraulich. Vom Zeitpunkt der Übergabe an steht es, für jeden einsehbar, im Internet. Daran kann die Ersparnis also nicht liegen.

Aber das Amnog wirkt auch vorauseilend. Gleich mehrere Pharmahersteller haben bereits vor der offiziellen Gültigkeit der neuen Pillen-Regeln den Gang zum Arzneimittel-TÜV gescheut. Offenbar waren sie von der Innovationskraft ihres Produkts und dessen Zusatznutzen selbst nicht so ganz überzeugt.

Relativ unproblematisch lief es etwa mit Livazo, dem mittlerweile siebten Cholesterinsenker auf dem Markt. Hersteller Merckle Recordati beantragte gleich selbst die Aufnahme in eine Festbetragsgruppe.

Ende August gab es allerdings ersten Ärger. Der Pharmariese Novartis ließ wissen, man werde die erst im Frühjahr auf den Markt gebrachte Blutdrucksenker-Kombination Rasilamlo »bis auf Weiteres vom Markt nehmen«. Eine frühzeitige Abstimmung mit dem zuständigen Gremium für die Kosten-Nutzen-Bewertung war nach Angaben von Novartis nicht möglich. Der tatsächliche Streitpunkt wird aber in der Vergleichstherapie vermutet, die der Gemeinsame Bundesausschuss festgesetzt hatte, um über den zusätzlichen Nutzen des Kombipräparats zu entscheiden.

In den vergangenen Tagen starteten dann die Pharmahersteller Boehringer Ingelheim und Lilly endgültig den Kampf um die Arzneimittelpreise: Sie gaben bekannt, dass sie ihr gemeinsam entwickeltes Antidiabetikum Trajenta für Patienten in Deutschland nicht zur Verfügung stellen. Die Tablette soll nach Herstellerangaben unter anderem den Vorteil haben, dass sie bei Diabetespatienten mit gestörter Nierenfunktion eingesetzt werden kann. »In den Verhandlungen mit der Selbstverwaltung wurde allerdings ausgestrahlt, dass der therapeutische Nutzen nicht ausreichend berücksichtigt wird«, sagt eine Sprecherin von Lilly. Als Folge drohe ein Erstattungsbetrag, der dem Innovationscharakter des Medikaments nicht gerecht werde. Auf gut Deutsch: Dem Hersteller droht ein Preis, der deutlich unter den eigenen Erwartungen liegt.

Doch die deutschen Patienten dürften kaum bemerken, dass sie kein Trajenta bekommen können, sind doch bereits einige Mittel mit dem gleichen Wirkstoff auf dem Markt. Jürgen Windeler, Chef des IQWiG, kann die Aufregung nicht recht verstehen. »Hier arbeitet die Firma mit einer sehr großen Vorabbefürchtung.«

Bei solchen Konflikten führt die Pharmalobby gerne die Gefährdung des Forschungsstandorts Deutschland ins Feld. Chefprüfer Windeler warnt allerdings davor, die Frage nach der Preispolitik mit der des Forschungsstandorts zu vermischen. Dieser sei nicht durch das Amnog bedroht. Aber Unternehmen, die eben nur an der Entwicklung von »Me-toos« verdienen wollten, so nennt die Branche Nachahmerpräparate, hätten es in Zukunft schwerer. Was zähle, seien echte Innovationen.

Besonders dramatisch für die Hersteller wirkt sich das neue Arzneigesetz aus einem weiteren Grund aus. Ganz Europa orientiert sich am deutschen Preisniveau. Sinken die Preise bei uns, dann sind die Präparate überall ein bisschen weniger wert. Durch das Amnog werden die Preise hierzulande nicht nur gesenkt, sie werden auch transparenter. Einige Preisnachlässe, die es hierzulande schon gab, werden künftig für jeden in Europa einsehbar. Experten prognostizieren der Branche daher europaweit Einbußen in Milliardenhöhe.

»Natürlich verändert das Amnog den Pharmastandort. Aber wir werden die Industrie nicht so beeinträchtigen, dass sie sich nicht mehr bei uns wohlfühlen kann«, sagt Rainer Hess, unparteiischer Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen. Nach vielen Jahren im Amt sitze er endlich am längeren Hebel. Schadenfroh mache ihn das nicht, sagt der Funktionär. Die Entscheidung für ein Unternehmen, ob es ein neues Mittel auf den Markt bringe und nach einem Jahr – so lange dauert eine Prüfungsphase – vielleicht damit leben müsse, dass das Mittel auf einen niedrigen Festpreis runtergestuft werde, sei keine leichte.

Schon verkünden erste Hersteller, ihre Arzneimittel ab sofort lieber erst in England auf den Markt bringen zu wollen, berichtet Ulrike Flach, Parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium. Doch das Vereinigte Königreich eignet sich kaum als Referenzland, schließlich sind die Briten schon jetzt für ihre rigide Einführungspolitik bekannt. »Sie finden unsere Kosten-Nutzen-Bewertung so gut, dass sie überlegen, sie ebenfalls einzuführen«, sagt Flach. Generell sehe man derzeit keinen Anlass, gegenzusteuern. Man wolle mit der Gesetzgebung eine Balance schaffen zwischen den Anforderungen an den Wirtschaftsstandort und dem Recht der Patienten. Das Amnog stärke eindeutig die Position des Patienten.

Birgit Fischer, frisch eingesetzte Chefin des Verbands forschender Arzneimittelhersteller und nach ihrer durchsetzungskräftigen Vorgängerin Cornelia Yzer als »Brückenbauerin« zwischen Industrie und Krankenkassen angetreten, spricht ebenfalls viel über Balance, wenn sie die aktuelle Situation bewertet. Die Branche sei ja gar nicht generell gegen die Kosten-Nutzen-Bewertung, es ginge mehr um das Wie. Fischer war früher Gesundheitsministerin in NRW und zuletzt im Vorstand der Barmer GEK. Da musste sie eher an der Senkung der Arzneimittelausgaben interessiert sein. Doch der Lobbyverband wird wohl kaum auf Schmusekurs gehen.

Und so reagieren die Hersteller, wie sie es immer tun, wenn sie ihre Margen in Gefahr sehen. Patientenvertreter werden mobilisiert, Fachgruppen wie die Deutsche Diabetes Gesellschaft eingeschaltet. Angesichts dieses »üblichen Säbelrasselns« kann Leonard Hansen, ehemaliger Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, nur abwinken. Es sei an der Zeit, sich auch dem Bestandsmarkt zuzuwenden. So schnell wie möglich sollten auch diejenigen patentgeschützten Arzneimittel auf einen Zusatznutzen untersucht werden, die bereits auf dem Markt seien. Hansen: »Dort schlummern Einsparpotenziale von einer Milliarde Euro allein bei den zehn umsatzstärksten Präparaten und mehr als vier Milliarden Euro im gesamten deutschen Patentmarkt.«

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