Update III: Transparenz-Offensive: Big Pharma umgarnt Journalisten (Bestechung?)

Normalerweise beteilige ich mich nicht an Telefon-Umfragen. Diesmal war ich aber zu neugierig: Mit Kudos Research klingelte ein britisches Marktforschungsinstitut an, um meine Meinung zu Big Pharma näher kennen zu lernen. “Wie bewerten Sie die Reputation – bitte in einer Skala von 0 bis 10” begann das 20-Minuten-Gespräch. Gefragt wurde nach Novartis, Pfizer, MSD, GSK, AstraZeneca, About, Wett, Bayer, Lilly. Wie innovationsfreudig? Wie transparent in der Preispolitik? Wie wichtig für die Wirtschaft… Ethisch korrekt?

Wer denn hinter der Umfrage stecke, wollte mein Gegenüber nicht verraten, es gebe aber ein “Honorarium” in Höhe von 55 Euro! “Bestechung”, dachte ich gleich, da schob die Telefonistin schnell nach – ich könne den Betrag gern auch spenden. In meinem Namen würde Kudos das Geld an UNICEF: East Africa Children’s Crisis Appeal spenden. Ich willigte ein, frage mich aber seitdem: Wie kann ich kontrollieren, ob meine 55 Euro auch wirklich bei Unicef, Ostafrika angekommen sind?

Übrigens: Wer hinter der Umfrage steckt, weiß ich immer noch nicht. Der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA) war es jedenfalls nicht, so viel ist sicher, die wunderten sich nämlich auch über die Kampagne. Außerdem haben die ja ihre eigene Transparenz-Idee am Start, berief der Verband mit Birgit Fischer eine frühere NRW-Gesundheitsministerin und vormalige Chefin der GEK Barmer zu ihrer neuen Geschäftsführerin, die sich als “Brückenbauerin” präsentiert und für mehr Transparenz im System werben soll.

Doch damit nicht genug: Nun erreichte mich noch die Einladung zu “Risky Business”, vier Stunden soll ich in Berlin das Spiel eines großen Pharma-Unternehmens im globalen Gesundheitsmarkts nachspielen können:

Sehr geehrte Frau Kuhrt,

Sie berichten regelmäßig über medizinische, gesundheitspolitische oder gesundheitsökonomische Themen? Fragen Sie sich manchmal, wie das Geschäft mit Medikamenten eigentlich funktioniert? Dann ist „Risky Business“ genau das Richtige für Sie!

Hier finden Sie Antworten zu folgenden Fragen:
•       Warum kommen so viele Wirkstoffe, die erforscht werden, niemals auf den Markt?
•       Welche Faktoren beeinflussen den Erfolg eines Pharmaunternehmens?
•       Welche wirtschaftlichen Folgen hat das Scheitern einer Substanz in Phase III?
•       Wie wirken sich neue gesetzliche Regelungen aus, seien es Zwangsrabatte oder die frühe Nutzenbewertung?

Schlüpfen Sie für vier Stunden in die Rolle eines Pharma-Managers und durchschauen Sie das Geschäft mit Medikamenten.

Risky Business
Wann: Dienstag, 15. November 2011, 12.30 bis ca. 18.00 Uhr
Wo: Computerspielemuseum, Karl-Marx-Allee 93a, 10243 Berlin

Programm/Ablauf

12.30 bis 13.00 Uhr Begrüßungsimbiss
13.00 bis 14.30 Uhr Risky Business I
14.30 bis 15.00 Uhr Pause
15.00 bis 17.00 Uhr Risky Business II
17.00 bis 18.00 Uhr Ausklang (gemeinsamer Imbiss)

Nichts für ungut: Das Bemühen um Transparenz seitens der Pharma-Industrie ist wirklich lobenswert. Warum kann ich nur nicht recht daran glauben? Vielleicht, weil ich gestern den Vertrag eines Herstellers zugespielt bekam, der Klinikärzten bei Umstellung auf das eigene Medikament eine fette Prämie ausstellt? Oder weil ich gestern Abend die aktuelle Ausgabe des arznei-telegramm gelesen habe?

Update, 24. Oktober 2011:
Tja, wer hat nun diese ominöse Umfrage in Auftrag geben? Drei der in der genannten Firmen, zu deren Reputation ich etwas sagen sollte, haben mich heute angerufen und ihre Umkenntnis zur Maßnahme erklärt. Der VfA weiß auch nichts genaues, alle wollen nun intern nachfragen, wer hinter der Nummer steckt. Ich bin gespannt! Sachdienliche Hinweise gern weiterhin an mich….

Update, 27. Oktober 2011:
Okay, jetzt wollen wir es aber wissen! Drei weitere Pharmafirmen haben sich bei mir gemeldet und durchaus glaubhaft versichert, dass sie nichts mit dieser Umfrage zu tun haben. Es verstoße – das Angebot des Honorariums – sogar eindeutig gegen den Firmen-Codex. Der VfA hat selbst begonnen, den Drahtzieher dieser Reputations-Nummer zu ermitteln… Ich finde, der Initiator sollte sich jetzt besser selbst melden, bevor es so heraus kommt – wäre doch ungleich peinlicher, oder?

Update, 2. November 2011:

Jetzt aber raus mit der Sprache! Der gesuchte Initiator der Umfrage ist Janssen-Cilag. Eine äußerst kommunikative Mitarbeiterin des Unternehmens, Deutschland-Sitz in Neuss, ihres Zeichens “Manager Communication”, rief mich an. Es handele sich um eine Europa weit durchgeführte Aktion, koordiniert durch die Kollegen in Belgien. Man sei selbst überrascht gewesen und habe erst mit den Kollegen und Judos Rücksprache halten wollen, daher die etwas verzögerte Rückmeldung. Aha – und warum das Ganze?

Naja, man wolle mehr darüber erfahren, wie man im Markt wahrgenommen wird. Und man will dabei auch Transparenz. “Aber man muss natürlich auch darauf achten, wie es ankommt”, so die Communication-Managerin. Warum die Dame, die mich interviewte, nicht erklärt habe, für wen sie die Umfrage macht, verstehe sie auch nicht. Bei Kudos habe man auf die “goldene Umfrage-Regel” verwiesen, dass das niemals gemacht werde um die Ergebnisse der Befragung nicht zu beeinflussen.

Okay, dann hätte die Telefonistin das ja sagen können, oder?

Wie dem auch sei, auch dass mit den 55 Euro ist Janssen-Cilag nicht bekannt gewesen und etwas unangenehm, verstoße aber nicht gegen den Kodex, wird mir erklärt. Ein paar später zugestellte Dankesbriefe an Kudos, ausgestellt durch wohltätige Organisationen, die wohl bereits mit Spenden der Marktforscher bedacht wurden, soll zumindest einen ersten Beleg dafür liefern, dass mein Geld auch wirklich gespendet wird.

Ein paar Screenshots aus dem 22-seitigen Fragenkatalog habe ich euch angehängt. Janssen-Cilag gelobt derweil Besserung (Transparenz) – denn wiederholen will man die Befragung ab sofort regelmäßig. Ich freue mich schon auf das nächste Gespräch mit Kudos. Und diesmal bin ich vorbereitet!

4 Comments

  1. Marcus says:

    So oft wie die nach Novartis und Dingsbums gefragt haben (jetzt fällt mir doch der Name gerade nicht ein (Doppelname), tippe ich auf einen von beiden, tatsächlich sogar auf die Firma, deren Name mir gerade nicht einfällt.

  2. Marcus says:

    es war, glaub ich, Boehringer-Ingelheim.

  3. Marcus says:

    ich tippe jetzt mal auf Boehringer-Ingelheim

  4. Marcus says:

    Mein ich doch, die mit dem Doppelnamen, Janssen-Cilag, die tauchten auffallend häufig auf, auch im Vergleich zu Novartis.

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