Medizinjournalismus: Thema bei Netzwerk Recherche 2013

Am 14./15. Juni 2013 (Freitag/Samstag) findet die Jahreskonferenz von netzwerk recherche statt – mit Debatten,  Workshops und Erzählcafés zu internationalen Recherchen. Themen sind Lokaljournalismus,  Crowdfunding, Rechtsextremismus,  Computer Assisted Reporting,  anonyme Briefkästen,  Datenjournalismus… Ein Schwerpunkt über beide Tage: Medizinjournalismus – im Angebot:

Freitag, 14. Juni 2013  

Medizin-Check I – III: Der Workshop

Außergewöhnliche Behauptungen brauchen außergewöhnliche Beweise. In der Medizin gilt diese Forderung immer dann,  wenn es um Heilung,  um Durchbrüche geht. Oft drehen sich dann Experten-Streits um diese Frage: Ist eine Studie gut genug? Journalisten sollten ein grundlegendes Handwerkszeug besitzen,  um sich ein eigenes Urteil – auch auf die Schnelle – bilden zu können. Das schützt auch die Leser vor möglicherweise falschen oder verunsichernden Aussagen. Experten des “Medien-Doktors” und des IQWiG vermitteln in einem dreiteiliger Workshop,  was dazu nötig ist.  Mit Marcus Anhäuser, Holger Hettwer und Klaus Koch

Doktor Data: Wie Medizinjournalisten Zahlen zum sprechen bringen

Jeder Arztbesuch in Deutschland wird erfasst,  jede Diagnose und jedes Rezept. So entstehen umfangreiche Datensätze,  die für die Arbeit von Medizinjournalisten sehr relevant sein können. Auf dieser Basis lassen sich Versorgungsstrukturen analysieren und gesundheitspolitische Entscheidungen kritisch hinterfragen. Doch nur ein Bruchteil der Daten ist auch offen verfügbar und viele Zugänge müssen Journalisten erst mühsam legen,  bevor sie mit der Auswertung beginnen können. In diesem Workshop stellen wir mögliche und unmögliche Datenrecherchen im Medizinbereich vor,  inklusive ihrer Rohdaten und journalistischen Umsetzung. Interessenten sind gebeten,  eigene erfolgreiche Projekte vorzustellen (Absprache vorher bitte unter nicola_kuhrt@spiegel.de) – oder auch Projekt- Ideen in der Runde vorzustellen und zu diskutieren.  Mit Christina Elmer, Veronika Hackenbroich und Nicola Kuhrt

Wie Kassen und Verbände Medien für sich einspannen: Agenda-Setting mit Studien

Wem sollen Journalisten glauben? Es geht um die Qualität in der Psychotherapie oder um einen Besorgnis erregenden Anstieg von ADHS-Diagnosen bei Kindern. Kritisiert wird der unterschätzte Nutzen der Akupunktur oder die falschen Ernährungsgewohnheiten der Deutschen. Krankenkassen und Verbände veröffentlichen regelmäßig große Studien,  deren Analysen wortreich kommentiert und Journalisten exklusiv angeboten werden. Die Grundlage der besorgniserregenden Meldungen stammen dabei meist nur aus einer einzigen Quelle: den Daten der einzelnen Krankenkasse. Die Schlussfolgerungen sind dementsprechend gewagt. Mit welchen Tricks arbeiten Gesundheitslobbyisten noch? Welchen Untersuchungen können Journalisten trauen? Wann sollten sie berichten – und wann lieber vor den Reports warnen?  Mit Franz Knieps und Gerd Antes, Moderation: Werner Bartens

Kritisch berichten über die Lebenshilfe-,  Therapeuten- und Coachingszene

“Seelenpfuscher“ nennt Heike Dierbach die Pseudotherapeuten,  die ohne richtige Ausbildung mit alternativen Heilverfahren an der Psyche ihrer Klienten herumdoktern – und ihnen dabei oft mehr schaden als nützen. Der alternative Gesundheitsmarkt für die Seele gleicht einem Dschungel,  in dem der Laie seriöse von dubiosen Anbietern nur schwer unterscheiden kann. Die Praktiken von Wunderheilern,  Life-Coaches,  Heilpraktikern und selbsternannten Therapeuten verkaufen sich als „sanft“ und „ganzheitlich“ – und sind manchmal hochgradig gefährlich. Das birgt viel Aufklärungsbedarf und Recherchepotential: Wir wollen einen kritischen Blick auf die Branche werfen und Hinweise darauf geben,  wie Journalisten hier einen Durchblick gewinnen und Scharlatane enttarnen können.  Mit Heike Dierbach, Dietmar Lucas, Michael Utsch, Mod.: Anja Achenbach

Samstag 15. Juni 2013

Warum über Alternativmedizin oft unkritisch berichtet wird: Wohlfühljournalismus

In dieser Diskussion soll es darum gehen,  warum in vielen Medien bei der Berichterstattung über Alternativmedizin eher der Service-Gedanke im Vordergrund zu stehen scheint und nicht die harten wissenschaftliche Fakten,  dass sozusagen versöhnliche Töne gegenüber der Alternativmedizin angeschlagen werden,  vermutlich auch mit Rücksicht auf die Erwartungen der Zuschauer und Leser. Ob das so ist – und ob das gut so ist,  darüber wollen wir diskutieren.
Mit Curt Kösters, Jörg Wipplinger und Jens Lubbadeh, Moderation Werner Bartens

Recherchen über kriminelle Transplantationen: Illegale Organvergabe

Im Herbst 2012 erschütterte der Organspenden-Skandal Deutschland. Die Journalistinnen Christina Berndt (SZ) und Heike Haarhof (taz) berichten in diesem Panel von extremen Schwierigkeiten bei ihren investigativen Recherchen. Wie kommt es,  dass ein auf Vertrauen angewiesener Medizinsektor wie die Transplantationsmedizin so intranspraent ist? Wer kontrolliert die Kontrolleure der Kliniken? Warum gibt es kaum Sanktionen bei Regelverstößen? Und wie muss die Transplantationsmedizin künftig organisiert werden,  um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen?, Christina Berndt von der Süddeutschen Zeitung wurde für ihre Berichte zu Manipulationen an deutschen Transplantationskliniken für den Henry-Nannen-Preis 2013 nominiert. Heike Haarhoff von der tageszeitung hat interne Missstände bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation aufgedeckt.

Das große Versprechen der personalisierten Medizin: Medienwirbel um Angelina Jolie

Wie viel wollen wir über unser Erbgut wissen? Diese Frage stellt sich werdenden Eltern schon vor der Geburt ihres Kindes,  denn sie könnten per Gentest ermitteln,  ob das Ungeborene am Down-Syndrom leidet. Das Testergebnis kann in einer Abtreibung münden. Bei Angelina Jolie zeigte ein Gentest,  dass ihr Krebsrisiko deutlich erhöht war,  sie entschied sich für eine prophylaktische Brustamputation. Ihr in aller Öffentlichkeit diskutierter Schritt zeigt,  mit welchen Folgen die Gendiagnostik schon jetzt in die Medizin eingreift. Bei vielen Krankheiten fahnden Forscher noch nach genetischen Ursachen – aber immer mehr Ergebnisse werden bekannt. Offen ist oft die Frage,  wem diese Zahlen nutzen werden. Muss man alles wissen? Und wie sollte der Mensch entscheiden,  wenn er von seinem persönlichen Risiko erfährt? Mit Volker Stollorz, Gerd Antes und Veronika Hackenbroch, Moderation: Christina Elmer

Wissen über Tat und Täter: Kriminelle Handlungsmuster im Gesundheitswesen

Vertrauenskultur als Keimzelle von Fraud-Risiken im Gesundheitswesen – in diesem Vortrag wird Alexander Wagner typische kriminelle Handlungsmuster aus dem Gesundheitswesen anhand eines Praxisfalls darstellen und mit Ihnen die Tatgelegenheiten analysieren. Im zweiten Teil des Vortrags erhalten Sie einen Blick hinter die Kulissen eines Ermittlers bzw. Beraters bei der Erstellung des Untersuchungsdesigns für die betroffenen Unternehmen am Beispiel eines Organspendeskandals. Mit Alexander Wagner, Moderation Nicola Kuhrt

Ein medizinjournalistisches Erzählcafé: Heimliche Pillentests in der DDR

Westdeutsche Firmen haben in der DDR oft ohne Wissen der Betroffenen Medikamente getestet – die Bundesregierung will die Aufklärung des Skandals nun vorantreiben. Sie hat einem Projekt der Berliner Charité finanzielle Unterstützung versprochen,  auch der Verband forschender Arzneimittelhersteller hat “Gesprächsbereitschaft” signalisiert. Manche Pharmahersteller mauern,  andere wollen nun selbst in ihre Archive nachforschen. Folgt nun die systematische Untersuchung des “Pharmalabors Ost”?
In diesem Erzählcafé soll auch ein Blick auf die derzeitige Berichterstattung geworfen werden und die Frage nach der Zukunft gestellt werden – in dem Wissen,  dass uns Thema noch einige Zeit beschäftigen wird. Über die Recherchen zu den Pillentests in der DDR berichten Nicola Kuhrt (Spiegel online) und Rainer Erices,  der nicht nur zeitgeschichtliche Themen für den MDR betreut,  sondern auch als Medizinhistoriker für die Uni Erlangen erforscht.

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